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Gekaufte Bewertungen:Wie man Verkaufsportale zu mehr Ehrlichkeit bringen könnte

4,5 von 5 Sternen

Die Internetportale müssten künftig gegen gefälschte Produktbewertungen auf ihren Seiten vorgehen und endlich mehr Verantwortung übernehmen.

(Foto: Unsplashed / Brooke Cagle)

Schummeln, tricksen, täuschen: Auf vielen Internet-Verkaufsportalen wimmelt es nur so von manipulierten Nutzerbewertungen, rügt das Kartellamt. Abhilfe wäre aber möglich.

Kommentar von Hendrik Munsberg

Wer kennt das nicht: Man möchte ein neues Fahrrad, ein Fernsehgerät oder einen Füllfederhalter kaufen. Nichts liegt da näher, als mal eben im Internet nachzuschauen, welche negativen und positiven Erfahrungen andere Verbraucher mit den fraglichen Produkten bereits gesammelt haben. Schließlich gehört solche Schwarmintelligenz zu den Vorzügen einer Marktwirtschaft. Die Konsumenten teilen ihre Erkenntnisse über Waren und Dienstleistungen. Prompt lernen alle voneinander, am Ende setzen sich nur die besten Anbieter und Produkte im Konkurrenzkampf durch. Der Wettbewerb, so pries einst der liberale Vordenker Friedrich August von Hayek, sei eben ein unschlagbar gutes "Entdeckungsverfahren".

Ein schönes Idealbild? Nein, ein lebensfernes Zerrbild. Die Wirklichkeit, das zeigt jetzt eine Untersuchung des Bundeskartellamts, ist davon weit entfernt. In Wahrheit, so warnen die deutschen Wettbewerbshüter, wimmelt es auf vielen Verkaufsportalen nur so von gefälschten und manipulierten Nutzerbewertungen. Unzählige Verbraucherurteile über Produkte sind in Wirklichkeit gekauft. Da wird geschummelt, getrickst und getäuscht, was das Zeug hält. Und gerade das Internet bietet dafür einen idealen Nährboden. Nie war organisierter Schwindel so leicht wie heute.

Neu ist das alles natürlich nicht, irgendwie gewusst hat man es ja schon ziemlich lange. Aber nun trägt diese Erkenntnis ein amtliches Siegel. Und deshalb ist die akribische Aufklärung des Kartellamts über die krassen Missstände auf Online-Verkaufsportalen verdienstvoll. Denn längst werkelt in aller Stille eine hochspezialisierte Branche - Dienstleister, bei denen Unternehmen problemlos günstige Produktbewertungen kaufen können. Dabei werden Nutzern kostenlos Waren überlassen und Belohnungen ausgelobt - solange die Bewertungen günstig ausfallen, versteht sich. Andere Firmen machen es sich noch einfacher: Sie nutzen spezielle Software, sogenannte Bots, um günstige Urteile gewissermaßen am Fließband zu erzeugen. Von einem "weit verbreiteten Phänomen" spricht Kartellamtschef Andreas Mundt in dankenswerter Klarheit.

Fühlt sich da jemand an den Seriositätsgrad von Horoskopen erinnert? Vielleicht, aber der Vergleich ist schief, denn bei Horoskopen erwartet niemand Seriosität. Aber wer im Internet nach Produktbewertungen sucht, auch das ist eine frische Erkenntnis der Wettbewerbshüter, lässt sich bei seiner Kaufentscheidung nur allzu leicht von günstigen Urteilen anderer leiten. Und wer durchschaut schon, was wahr und was gekauft ist? So entscheidet nicht die Qualität, was rege nachgefragt wird, sondern die Cleverness bei der Täuschung.

Wer das für eine Bagatelle hält, dem sei gesagt: Wirtschaft lebt von Vertrauen, auch von Verbrauchervertrauen. Und wenn das auf solche Weise systematisch missbraucht wird, vergrößert das die ohnehin beachtlich ausgebildete Sedimentschicht im Bewusstsein der Bürger, die speichert, dass alles im hiesigen Wirtschaftssystem nur Lug und Trug sei und dass man sich eben auch seine Wahrheit kaufen kann.

Und was raten die Wettbewerbshüter den Verbrauchern? Sie sollen, empfiehlt Mundt, auf "übertriebene Sprache" und "wiederkehrende Muster" achten und möglichst viele verschiedene Bewertungen lesen. Die Internetportale wiederum ermahnt der Kartellamtschef, sie müssten künftig gegen gefälschte Produktbewertungen auf ihren Seiten vorgehen und endlich mehr Verantwortung übernehmen. Die Untersuchung habe gezeigt, dass viele deutlich mehr tun könnten, um Verbraucher vor Fake-Beurteilungen zu schützen. Das alles mag richtig sein, klingt aber recht machtlos. Tatsächlich hat das Bundeskartellamt im Verbraucherschutz nur geringe Kompetenzen - es kann zwar Fehlentwicklungen anprangern, aber keine Verfahren gegen einzelne Unternehmen einleiten.

Doch das Bundesverbraucherschutzministerium von SPD-Ressortchefin Christine Lambrecht hätte durchaus Möglichkeiten, den Verkaufsportalen auf die Sprünge zu helfen. Lambrecht könnte zum Beispiel von CDU-Kollegin Monika Grütters lernen, der Staatsministerin für Kultur und Medien. Die zeichnet bereits seit mehreren Jahren bundesweit Buchhandlungen aus, die sich mit nachahmenswerten Geschäftsmodellen hervortun. Das Prinzip: Loben statt strafen. Gute Verkaufsportale öffentlich auszeichnen, die dafür sorgen, dass nur glaubwürdige Produktbewertungen auf ihrer Plattform erscheinen - so könnte auch Lambrecht Vorbilder schaffen, die zur Nachahmung anstiften. Und Millionen Verbraucher wären ihr dankbar.

© SZ

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