Süddeutsche Zeitung

Firmenporträt:Die Regenmacher

Jeder Spritzer zählt: Um den Wasserverbrauch in der Landwirtschaft zu reduzieren, bietet ein kleiner Familienbetrieb aus Rheinland-Pfalz technisch ausgefeilte Systeme. Durch den Klimawandel wächst das Unternehmen kräftig.

Von Marcel Grzanna

Nachhaltiges Unternehmertum ist keineswegs ein neues Phänomen. Das gab es immer schon. Doch so mancher Betrieb erlebt nun einen regelrechten Boom. Jetzt, da Nachhaltigkeit als Gebot der Stunde gilt. Dazu gehört die mittelständische Beinlich Agrarpumpen und -maschinen GmbH aus dem beschaulichen Ulmen in Rheinland-Pfalz, 50 Mitarbeiter, Umsatz rund 20 Millionen Euro pro Jahr. Kurz gefasst, hilft die Firma den Landwirten beim Wassersparen.

"Die vergangenen Sommer waren sehr trocken. Das hat unser Geschäft mit Beregnungstechnik enorm angekurbelt. In den vergangenen fünf Jahren haben wir unseren Umsatz verdoppelt", sagt Geschäftsführer Martin Beinlich. Der Klimawandel als Umsatztreiber. Das konnte der Firmengründer 1965 beim besten Willen nicht vorhersehen.

Sein Vater Manfred kam einst auf die Idee, die damals neuartigen, flexiblen Polyethylen-Rohre nicht nur für die Gülleverteilung zum Düngen, sondern auch für die Beregnung im Ackerbau einzusetzen. Neue Anforderungen und Innovationen ermöglichten im Laufe der Jahre eine immer größere Effizienz. Polyethylen-Rohre von bis zu 1100 Meter Länge revolutionierten die Bewässerungsmethoden. Düsenwagen mit bis zu 90 Meter Beregnungsbreite schonen die Böden, weil sie nicht vom Gewicht schweren Geräts belastet werden müssen.

Hätte es damals schon ein gesellschaftliches Bewusstsein gegeben für die Dringlichkeit von nachhaltigem Wirtschaften, wäre die Firma Beinlich vermutlich sehr viel früher so stark gewachsen. Doch die Realität ist eine andere. "Der Zeitgeist, der heute das Unternehmertum antreibt, war damals überhaupt nicht existent. Nachhaltigkeit hat vor 50 Jahren als Begriff noch gar keine Bedeutung gehabt. Dennoch gilt bei uns seit langer Zeit die Überzeugung, dass wir mit Wasser sparsamer umgehen müssen", sagt Beinlich.

Aus dem Geschäftsmodell und dem Firmencredo sind mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Unternehmensgründung digitale Beregnungsanlagen entstanden, die so präzise bewässern, dass sie beides schaffen: Wasser sparen und die Produktivität der Landwirte steigern. Beinlich verspricht, dass Wasserverluste minimiert werden, weil die Abdrift durch den Wind verhindert würde. Das präzise Bespritzen mit feinen Tropfen reduziert gleichzeitig die Aufprallenergie des Wasser. Dadurch könnten ungewollte Erdspritzer bei Gemüse und Gewürzen verhindert werden, wodurch wiederum der Waschaufwand reduziert werden kann.

Über Sensoren ermitteln die Anlagen die Feuchtigkeit des Ackerbodens

Kleine Tropfen durchdringen zudem leichter den Boden. Das Risiko von Schlammbildung auf der Bodenoberfläche und eine Dammbildung, die ungewollte Abflusskanäle hinterlassen kann, sei deswegen ebenfalls sehr gering. Noch dazu vermieden die Beregnungsanlagen eine unnötige Bewässerung des Bodens zwischen den Pflanzen, wo es ineffektiv verdunsten würde.

Das Familienunternehmen, in dem Martin Beinlichs Ehefrau Carolin das Controlling leitet und die beiden Söhne im Einkauf und Außendienst arbeiten, finanziert sich aus eigenen Mitteln. Investitionen in neue Systeme werden aus dem Cashflow beglichen. Im vergangenen Jahr widmete auch das Bundeswirtschaftsministerium dem Betrieb einige Zeilen in seinem Magazin Mittelstand Digital, Schwerpunktthema Nachhaltigkeit.

Beinlich versucht auch an anderer Stelle, nachhaltig zu wirtschaften, indem er sich auf ein regionales Netz an Zulieferern verlässt. Die Idee dahinter: kurze Wege, um Ressourcen zu sparen und die soziale Bindung der Industrie an die Region zu fördern. Allerdings weiß Geschäftsführer Beinlich auch, dass sich die Lieferketten im Maschinenbau aus globalen Elementen zusammensetzen. Für kleine Unternehmen ist es daher unmöglich, den Weg jeder einzelnen Schraube zurückzuverfolgen. Die Lieferkettengesetze in der Europäischen Union und speziell auch in Deutschland sollen in Zukunft exakt diese Lücken schließen.

Größter Knackpunkt bleibt der Wetterbericht

Für die Erwähnung im Magazin Mittelstand Digital ist aber eine andere Innovation erforderlich gewesen. Beinlich ermöglicht den Landwirten, ihre Felder mit Hilfe einer Mobilfon-Anwendung präzise zu bewässern. Raindancer heißt die App, zu deutsch Regentänzer, mit der die Bauern die Einsatzzeiten der Beregnungsanlagen optimal bestimmen können. Über Sensoren ermitteln die Anlagen die Feuchtigkeit des Ackerbodens. Die App verknüpft diese Informationen mit der jeweils lokalen Wettervorhersage am Standort des Nutzers. Aus diesen Daten berechnet die Software die Wassermenge, die nötig ist, um das Wachstum zu fördern und eine mögliche Verschwendung von Wasser zu verhindern. Bei 20 bis 30 Prozent soll die Ersparnis für die Landwirte liegen. Größter Knackpunkt bleiben dabei eher die Wetterberichte. Nur wenn die Meteorologen richtig liegen, kann die Bewässerung optimiert werden.

Weil das Wasser auf der Welt immer knapper wird, sind Methoden zu einer effizienten Verwendung bei den Bauern sehr willkommen. Beinlichs Umsatzsteigerung lässt sich aber nicht nur anhand eines wachsenden Umweltbewusstseins erklären. Die Bauern suchen auch händeringend nach Wegen, um ihre Kosten zu senken. Die Lebensmittelbranche verlangt nach immer besserer Qualität bei sich verschärfendem Preiskampf. Da gilt bei den Landwirten jede Möglichkeit zu mehr Nachhaltigkeit als willkommene Investition in die Zukunft. Zumal auch die Banken diesen Trend fördern, weil Nachhaltigkeit bei der Kreditvergabe zunehmend die Risikobewertung beeinflusst.

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