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Betrugsverdacht:Der Trick mit der Tierliebe

Das Gut Aiderbichl soll betagten Menschen Geld und Immobilien entlockt haben. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück.

Von Katja Riedel, Rainer Fleckl und Stefan Melichar

Der Tag, an dem aus dem Lebemann Michael Alfons Aufhauser ein Millionär wird, ist der 9. Oktober 1997. In der kleinen österreichischen Gemeinde Abtenau heiratet der 45-jährige Ex-Schauspieler und Touristikmanager aus München seine langjährige Vertraute. Irene Florence Albert, damals 82 Jahre alt, viele Millionen Schweizer Franken schwer, eine aus Wiesbaden stammende Erbin eines Chemiekonzerns mit Wohnsitz im noblen Schweizer Ort Gstaad. Die Heiratsurkunde ist nicht das einzige Schriftstück, unter das die frisch Vermählten um den "schönsten Tag des Lebens" herum ihre Unterschriften setzen. Denn drei Tage zuvor hatte Albert für umgerechnet knapp 1,5 Millionen Euro eine Villa in Salzburg gekauft, die sie ihrem künftigen Ehemann überschrieb: per Schenkungsvertrag, fällig zum Tag ihres Todes, der dann im Jahr 2002 eintrat, in genau dieser Villa.

Aufhauser lebt noch immer dort, umgeben von einer zweistelligen Zahl Kleinsthunde und seinem Kompagnon Dieter Ehrengruber, der hier ebenfalls gemeldet ist. So ist es in den Ermittlungsunterlagen der Wiener Wirtschaftsstaatsanwaltschaft zu lesen. Die durchsuchte am 23. Juli 2015 nicht nur die Salzburger Privatvilla, sondern auch drei weitere Geschäftsräume des Tierschutzimperiums Gut Aiderbichl, das Aufhauser mit Teilen des Erbes gegründet hat und nun gemeinsam mit Ehrengruber führt. 41 Ermittler und vier Finanzbeamte filzten auch die Büros des berühmten Schaugutes im österreichischen Henndorf, das so oft Kulisse rührseliger Tierschicksale und Fernsehfilme war und hinter dessen beschaulicher Fassade sich, sollte der Verdacht zutreffen, ein Wirtschaftskrimi abgespielt haben könnte. Einer, der sich wieder um vermögende ältere Herrschaften dreht, um Schenkungen vor und um Erbfälle nach deren Ableben.

Es geht zunächst um mehrere Millionen Euro, die die Chefs von Aiderbichl und zwei weitere Beschuldigte den beiden vermögenden Geschwistern Gerd und Ursula V. unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus der Tasche gezogen haben sollen. Aber es geht noch um mehr: Im Feuer steht jetzt das gesamte System Aiderbichl mit seinen Patenschaften und Spenden, mit der Vermarktung von Tierschicksalen. Mit Kuh Yvonne etwa, die 2011 mit ihrer spektakulären Flucht vor dem Schlachter erst zum Sommerliebling des Jahres, dann zum Aiderbichl-Tier wurde. Und zu einer in Deutschland und Österreich eingetragenen Marke, mit Nutzungsrechten für alles, vom Spazierstock über das Hundehalsband bis zum Hollywoodfilm.

Stier Ernst soll Kuh Yvonne anlocken

Stier Ernst soll die entlaufene Kuh Yvonne anlocken. Die Presse ist bei der Präsentation des Lockvogels im August 2011 auf Gut Aiderbichl dabei.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Eher magere 6000 Euro sollen diese Rechte bisher eingebracht haben. Eingetragen sind die Marken nicht auf den Namen der Stiftung oder der GmbHs, welche die drei Aiderbichl-Besuchsgüter aus Eintrittsgeldern, aus Merchandising und weiteren Einnahmen selbst finanzieren sollen, sondern auf Michael Aufhauser persönlich. Warum, lässt er auf Anfrage unbeantwortet. Die Welt von Aiderbichl: Sie ist ein Tierrettungsunternehmen mit Einnahmen von 18 Millionen Euro 2014. 2,2 Millionen stammten aus 27 Erbschaften. 56 000 Patenschaften gibt es aktuell für 6000 Tiere, darunter auch mehrere Tausend Wildvögel. Um diese Patenschaften wirbt auch ein externes Unternehmen, die Werber bekommen Provisionen. Von Aiderbichl scheint auch Dieter Ehrengruber, den Aufhauser seinen Nachfolger nennt, nicht schlecht zu leben: Sein Geschäftsführergehalt will er nicht beziffern. Jedenfalls scheint er so gut zu verdienen, dass er sich mithilfe einer Bank seit 2007 sechs kleinere Wohnungen in Salzburg und München kaufen konnte. Ehrengrubers Bruder Christian verwaltet die Aiderbichl-Immobilien. Ein Familienbetrieb, mit 26 Höfen.

Die Wiener Staatsanwälte scheinen es jedenfalls ernst zu meinen: 50 Aktenordner haben sie bei der Durchsuchung im Sommer mitgenommen, sie sicherten elektronisches Datenmaterial, Telefone, Laptops und USB-Sticks; monatelang hatten sie zuvor die Telefone der Beschuldigten abhören lassen, sie hatten Zeugen befragt und Akten angelegt. Jetzt werten die Wiener aus, ob auch alle neu beschlagnahmten Daten zu dem passen, was sie vermuten und was sich nach Informationen von Süddeutscher Zeitung und des österreichischen Magazins News in unzähligen Vernehmungen, in Analysen von Kontenbewegungen und E-Mail-Wechseln verdichtet zu haben scheint: der Verdacht des schweren gewerbsmäßigen Betrugs. Aufhauser und Ehrengruber sollen als Geschäftsführer und Stiftungsvorsitzende des Tierrettungs-Imperiums die Strippen gezogen haben, ein Gutsverwalter, der zeitweise in Untersuchungshaft saß, und dessen Schwester sollen teils als Handlanger, teils auf eigene Rechnung in den Betrug verwickelt sein. Die Ermittlungen könnten sich noch ausweiten: Ein Zeuge, ein ehemaliger Beschäftigter, berichtete den Ermittlern von angeblichen Schwarzarbeitern. Diese habe er bei der zuständigen Arbeitsdirektion gemeldet. Bei angekündigten Inspektionen seien diese jedoch in den Wald geflüchtet. Zu diesem Vorwurf will sich Aiderbichl nicht äußern.

Michael Aufhauser lag wegen einer schweren Operation im Frühjahr einige Wochen lang im Koma, war dann erst im Krankenhaus, dann in der Reha, ausgesagt hat er bislang aus gesundheitlichen Gründen noch nicht; in der Kronen-Zeitung hat er sich jedoch kürzlich zu Wort gemeldet, zum Welttierschutztag. Auf die Anfrage von SZ und News will er nicht antworten. Anders Ehrengruber: Er hat schriftliche Stellungnahmen erstellt und bei den Ermittlern als Beschuldigter ausgesagt. Unterlagen zufolge gibt es dabei mehrere Ungereimtheiten. Er beteuert: An den Vorwürfen sei nichts dran, das hatte er auch bei einem Treffen in Salzburg gegenüber der SZ beteuert. Dass Aiderbichl nicht trickse, selbst Opfer sei. Und dass Spenden, auch solche in Millionenhöhe, nur dazu dienten, um den Tieren und Menschen, die sich um diese sorgten, ein friedliches Zuhause zu bieten, ein Paradies auf Erden.

Gerettete Füchse werden mit vergasten Küken aus der Lebensmittelindustrie gefüttert

Wer jedoch liest, was Zeugen vor den Ermittlern ausgesagt haben, und wer mit anderen Menschen spricht, die Aiderbichl gut kennen, der kann Zweifel an der großen Freundlichkeit zu Mensch und Tier bekommen. Nicht nur, weil Aiderbichl auf Anfrage einräumt, seine geretteten Füchse mit vergasten Küken aus der Lebensmittelindustrie zu füttern. Schwerer noch wiegen andere Vorwürfe, und die haben mit der Gesundheit späterer Aiderbichl-Großspender zu tun. Schon die Ermittlungen im Fall Ursula V. hatten aufgrund medizinischer Gutachten starke Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der älteren Dame aufkommen lassen. V., die sich nie für Tierschutz interessiert hatte, setzte Aiderbichl zum Erben ein. Und es besteht der Verdacht, dass der Stiftung von ihrem Vermögen über einen Umweg schon zu Lebzeiten mindestens 200 000 Euro zuflossen.

Man habe bisher nie an der Geschäftsfähigkeit eines Spenders gezweifelt, sagte Ehrengruber im Sommer. SZ und News liegen jedoch weitere Fälle vor, in denen betagte Personen, die am Rande der Entmündigung gestanden haben sollen, zu Aiderbichl-Wohltätern wurden. Etwa die Kärntner Ärztin Ruth G., die 2011, mit 91 Jahren, Aiderbichl zwei Wohnungen, ein Bankdepot und zwei Konten vermachte. Im Gegenzug sollte die Stiftung etwa 1700 Euro monatlich für Altersheim und ein Taschengeld zahlen. Für Aiderbichl ein gutes Geschäft: Höchstens neunmal überwies man den fälligen Betrag, bevor sie starb. Allein aus dem Verkauf einer Wohnung erzielte Aiderbichl 124 000 Euro.

Auch der niederösterreichische Landwirt Leopold W. soll Aiderbichl seinen Hof überschrieben haben, nachdem ihm Entmündigung drohte. Aiderbichl verweist darauf, dass keine dieser Personen tatsächlich entmündigt worden sei. Bemerkenswert ist auch der Fall einer hochbetagten Unternehmerin aus Nordrhein-Westfalen: Sie hat Aiderbichl ihr ganzes Unternehmen überschrieben, eine Fahrradteilefirma, deren Geschäftsführer laut Handelsregister nun Ehrengruber und Aufhauser sind. Der Fall taucht auch in den Ermittlungsakten auf. Daraus geht hervor, dass die Dame offensichtlich einen stark verwirrten Eindruck machte und sich auch nicht mehr an Vertragsinhalte erinnern konnte. Bei all diesen Fällen ist Aiderbichl weit gegangen. Vielleicht zu weit.

Den Notar, mit dem Aiderbichl seit Jahren viele Erbverträge und Schenkungsurkunden abwickelt, hat Michael Aufhauser übrigens offenbar von seiner verstorbenen Frau geerbt. 1997, so ist zu lesen, war diese dem Notar von Angesicht bekannt. Aufhauser wies sich noch mit seinem deutschen Pass aus. Inzwischen kennt man sich.

© SZ vom 26.10.2015
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