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Erwin Helmer: "Es ist erschütternd, wie wenig etwa Reinigungskräfte verdienen."

(Foto: Bistum Augsburg)

Seit vier Jahrzehnten kämpft Erwin Helmer als Betriebsseelsorger gegen prekäre Arbeitsbedingungen - und wird dafür auch erfinderisch.

Von Elisa von Grafenstein, München

Kann man einen Heiligen importieren? Erwin Helmer hat gezeigt, dass das geht: "San Precario" steht in Italien seit Jahren für Aktionen gegen prekäre Arbeit. Helmer hat die virtuelle Heiligenfigur als geistlicher Leiter der christlichen Arbeiterjugend (CAJ) in Bayern nach Deutschland geholt. Seither begleitet eine Holzfigur namens "Prekarius/Prekaria" die Jugendlichen bei ihrem Einsatz für eine gerechtere Arbeitswelt.

Erwin Helmer - tiefe Lachfalten, offenes Lächeln, grauer Bart - kämpft schon seit mehr als 40 Jahren für bessere Arbeitsbedingungen. Der 67-Jährige ist seit 1980 Betriebsseelsorger in der Diözese Augsburg. Theoretisch sei er schon im Ruhestand, sagt der Diakon. Aber er habe nicht vor, wirklich in Rente zu gehen. "Diese Themen werden mich, so lange ich denken und laufen kann, beschäftigen."

Helmer ist viel unterwegs, besucht Betriebe, trifft sich mit Betriebsräten und Angestellten, vermittelt Hilfesuchende an Beratungsstellen. Aber Corona hat auch seine Arbeit verändert: Der Zutritt zu den Firmen ist nur eingeschränkt möglich, viele Arbeiter sind im Home-Office. Deswegen führt der Diakon heute mehr Einzelgespräche am Telefon als früher. Der direkte Kontakt fehle, sagt er. Dafür habe die Corona-Krise den Fokus auf Probleme gelenkt, vor allem auf die miserable Bezahlung in vielen Branchen. Und schon redet sich Helmer in Fahrt: "Es ist erschütternd, wie wenig etwa Reinigungskräfte verdienen, die meisten um die 1200 Euro netto in Vollzeit." Überhaupt gäbe es manchmal ein "unglaubliches Fehlverhalten" in Firmen.

Besonders kritisch sieht er die Leiharbeit, aber auch den Versuch von Unternehmen, Tariflöhne und Betriebsräte zu verhindern. "Wer in Leiharbeit ist," sagt Helmer, "kann von heute auf morgen weg sein, sprich abgemeldet werden." Das führe zu Unsicherheit und Verzweiflung bei den Betroffenen, sie fühlten sich ausgebeutet. In der Gesellschaft wird das Thema viel zu wenig wahrgenommen, findet er. Immer wieder hat Helmer sich auch mit dem Weltkonzern Amazon angelegt, in Augsburg-Graben setzte er sich für die Rechte der Beschäftigten ein. "Sie hatten keinen Betriebsrat und die Zustände waren katastrophal." Seit 2014 gibt es an allen Versandzentren in Deutschland Betriebsräte.

In der Bäckerei des Vaters kam Helmer an die eigenen Grenzen

Helmer ist Diplom-Theologe, über die Jugendarbeit kam er zur Betriebsseelsorge. Schon in den 70ern engagierte er sich in der Christlichen Arbeiterjugend, war jahrelang Diözesanpräses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Während des Studiums half Helmer samstags in der väterlichen Bäckerei aus. Samstag herrscht Hochbetrieb, das heißt: frühmorgens bei 50 Grad am Ofen stehen. Das habe ihn auch einmal an seine Grenzen gebracht. "Meine ganz persönliche Arbeitserfahrung im Familienbetrieb meines Vaters", sagt Helmer. Sie helfe ihm noch heute als Betriebsseelsorger.

Oft können die Betriebsseelsorger zwar beraten, aber die Situation nicht ändern. "Man fühlt sich dann machtlos", sagt Helmer. Auf der anderen Seite stehen viele kleine Erfolge. Zum Beispiel, wenn er sieht, wie ein einziges Gespräch einen Menschen verwandeln kann: "Manche kommen gebückt und können einem kaum in die Augen sehen", sagt er. Nach einem längeren Gespräch wüssten sie, dass sie nicht allein sind, dass sie sich wehren können. "Diese Erfahrung ist wunderschön."

Helmer setzt sich auch für den arbeitsfreien Sonntag ein. "Wir wollen die Menschen schützen, die am Sonntag arbeiten müssten." Juristisch sei die Sache klar: Für bestimmte Anlässe, wie historische Feste, könne es Ausnahmen geben. "Aber nicht, damit die Leute am Sonntag Katzenfutter und Kühlschränke kaufen können." Das würde bestimmt auch Prekarius/Prekaria so sehen.

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