Berthold Beitz "Ich durfte nie Angst haben"

Berthold Beitz war lange Generalbevollmächtigter des Krupp-Konzerns. Doch als junger Industrieangestellter rettete er während der Rassenverfolgung mindestens 1500 Juden aus Deportationszügen. Bis heute schwieg er über diese Zeit.

"Warum hätte ich über die Zeit in Polen reden sollen? Um mich selber zu belobigen?" Jahrzehntelang hat Berthold Beitz, einst als Lenker des Krupp-Konzerns einer der mächtigsten deutschen Industriellen, über eine dramatische Lebenserfahrung geschwiegen - seine Rettungsaktionen für Juden während des Zweiten Weltkriegs.

Berthold Beitz: "Ich durfte nie Angst haben - sonst wäre mir das gar nicht gelungen."

(Foto: Foto: dpa)

Mindestens 1500 Opfer der Rassenverfolgung holte Beitz 1942 bis 1944 aus Deportationszügen, stellte ihnen die nötigen Papiere aus oder half anderswie; viele überlebten. Der Süddeutschen Zeitung hat er nun das erste Zeitungsinterview über seine Motive und Gefühle gegeben: "Ich durfte nie Angst haben - sonst wäre mir das gar nicht gelungen."

Berthold Beitz, Jahrgang 1913, war von 1953 an Generalbevollmächtigter des Essener Krupp-Konzerns. Noch heute ist er Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates von Thyssen-Krupp. Wenig bekannt ist dagegen seine Lebensgeschichte während des Krieges.

Er schweigt bis heute meist darüber. Erst nach drei Jahrzehnten erfuhr die Öffentlichkeit überhaupt, dass Beitz als junger Industrieangestellter von 1942 bis 1944 im polnischen Boryslaw Hunderte Juden gerettet hat. 1973 zeichnete ihn die israelische Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem als "Gerechten unter den Völkern" aus.

Dieser höchste Ehrentitel wurde bis heute nur wenigen hundert Deutschen verliehen, die verfolgte Juden unterstützt haben. Die Zahl der Deutschen, die sich direkt oder indirekt am Mord an den Juden beteiligten, geht dagegen in die Hunderttausende. Es waren eben nicht nur die Mörder von der SS für den Genozid verantwortlich, sondern auch Verwaltungsbeamte, Soldaten, Unternehmer, Polizisten.

Eben deshalb war Berthold Beitz in Boryslaw ein einsamer Mann. Er stand, fast allein, gegen das Vernichtungssystem. Nur selten hat Beitz über diese Zeit gesprochen, in der "sich alle Beteiligten so verhielten, als sei es völlig normal, am helllichten Tag eine Jüdin zu erschießen, während ihr Kind neben ihr stand".

Beitz hat der SZ-Redaktion außerdem eine Reihe von persönlichen Briefen überlassen, in denen Überlebende über Verfolgung und Rettung berichten. "Sie erwiesen in einer Zeit, wo fast alle einen anderen Weg gingen, Ehre dem deutschen Namen", schrieb ihm einer der Geretteten 20Jahre später.

Im Laufe dieses Frühjahres soll auch Berthold Beitz' Frau, Else Beitz, von Jad Vaschem den Ehrentitel einer "Gerechten unter den Völkern" erhalten. Sie war damals seine einzige Helferin und Vertraute.