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Bertelsmann und das Internet:Das große Zaudern in Gütersloh

Einst galt Bertelsmann als Pionier im Internet - doch inzwischen agiert der Medienriese im Web zögerlich. Das hat ein bisschen mit Geld zu tun, und viel mit Psychologie. Mit dem Generationswechsel an der Konzernspitze muss sich das ändern.

Wenn ausländische Konkurrenten Europas größtes Medienunternehmen mal so richtig ärgern wollen, dann sprechen sie den Firmensitz Gütersloh so aus: "Guder-slow" - mit Betonung auf "slow". Und der Medien-Riese wirkt in der Tat etwas behäbig, wenn es um die Ausrichtung auf das Web 2.0 geht. Verglichen mit Konkurrenten wie Murdoch, Holtzbrinck oder Burda investiert Bertelsmann derzeit nur sehr vorsichtig.

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Bertelsmann im Internet - Vom Pionier zum Nachzügler

Eine strategische Vision fürs Web 2.0? Derzeit Fehlanzeige in Gütersloh. Das hat ein wenig mit Geld zu tun und viel mit Psychologie. Und mit einem Mann, dessen Namen in Gütersloh wortreich beschwiegen wird: Thomas Middelhoff richtete den Konzern konsequent aufs Internet aus, sicherte Bertelsmann die Mehrheit am Gewinnbringer RTL Group - aber überschätzte den Veränderungswillen der Mitarbeiter und der Eigentümerfamilie.

Nachfolger Gunter Thielen sieht seine Aufgabe vorwiegend im Konsolidieren und hinterlässt seinem Nachfolger Hartmut Ostrowski ein zwar besenreines, aber auch deutlich uninspiriertes Unternehmen.

Kern des Bertelsmann-Problems: Ausgerechnet in dem Moment, da die Medien sich aufgrund der neuen Impulse aus dem Mitmach-Web neu erfinden müssen, fehlt Bertelsmann das Geld für strategische Investitionen.

Auch wenn Vorstandschef Thielen diesen Eindruck verwischen will - auch durch die Ankündigung eines Private-Equity-Fonds: Bei Bertelsmann ist derzeit Schmalhans Küchenmeister und der Sparzwang Strategiechef.

Bereits die Verkäufe des Fachzeitschriften-Sparte Bertelsmann-Springer und des BMG-Musikverlags galten intern als Notverkäufe.

Die Impulse aus dem Stammgeschäft heraus sind nicht allzu stark. Vor allem in Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr wurde das, was Vorstandschef Bernd Kundrun jetzt propagiert, jahrelang versäumt: die Zeitschriftenmarken kräftig ins Internet zu verlängern.

Keine eigene Webadresse für "Essen und Trinken"

So war die Zeitschrift Essen & Trinken bis vor kurzen nicht mal unter einer eigenen Web-Adresse zu erreichen. Freche Konkurrenten wie Chefkoch.de kommen inzwischen auf ein Vielfaches an Web-Reichweite und deutlich mehr Online-Werbeumsatz.

Auch bei Printmarken wie Capital und Impulse agiert Vorstandschef Bernd Kundrun zögerlich. Eine echte Online-Offensive ist nur beim Stern und dessen Foto-Ableger View zu erkennen. Auch können die Leser als Reporter unter augenzeuge.de aktiv werden.

Besser sieht es im TV-Geschäft aus. Dort betrachtet das Management jede Form von Bildschirm als Heimspiel und das Internet als Vertriebschance.