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Bertelsmann-Studie:Mehr Gerechtigkeit für Kassenpatienten

Das Gesundheitssystem würde ohne Private Krankenkassen Milliarden Euro sparen, hat eine Studie herausgefunden. Doch die Bundesärztekammer fürchtet eine Einheitsversicherung.

Von Rainer Stadler

Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung sorgt für Diskussionen in der Gesundheitsbranche: Sie kommt zum Ergebnis, dass die Abschaffung der privaten Krankenversicherung Milliarden sparen und den sozialen Zusammenhalt stärken würde. Wenn alle Deutschen gesetzlich versichert wären, könnte der Beitragssatz um bis zu 0,6 Prozentpunkte sinken, errechneten die Autoren der Studie. Versicherte und Arbeitgeber würden also jeweils etwa 145 Euro pro Jahr sparen.

Eine tragfähige Solidargemeinschaft könne nur entstehen, wenn auch Gutverdiener, Beamte und einkommensstarke Selbständige an der gesetzlichen Krankenversicherung teilnähmen, stellt die Bertelsmann-Stiftung fest. Die Autoren gestehen ein, dass durch den Wegfall der privaten Krankenversicherung den Ärzten Honorare entgingen. Würde dieses Minus ausgeglichen, könnten die Versichertenbeiträge immer noch sinken, um 48 Euro jährlich, was 0,2 Prozentpunkten entspricht.

Die Bundesärztekammer bezeichnet die Studie als "Griff in die ideologische Mottenkiste"

Neu ist die Forderung nicht, SPD, Grüne und Linkspartei warnen seit Langem vor einer Zweiklassen-Medizin und favorisieren eine Bürgerversicherung für alle Deutschen, unabhängig vom Einkommen. Sie fühlen sich durch die Bertelsmann-Studie bestätigt. Kritik kommt, kaum überraschend, vom Verband der Privaten Krankenversicherung. "Die angebliche Ersparnis von 145 Euro ginge voll zu Lasten der ärztlichen Versorgung", sagt Verbandschef Florian Reuther. Für die 118 000 Arztpraxen in Deutschland bedeute das Bertelsmann-Szenario einen Verlust von 54 000 Euro jährlich. Versorgung und Wartezeiten der Patienten würden sich "drastisch verschlechtern".

Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt bezeichnet die Bertelsmann-Studie als "Griff in die ideologische Mottenkiste". Mit "mehr als zweifelhaften Zahlenspielereien" solle die Einheitsversicherung "in die politische Agenda gedrückt werden". Die Autoren gäben schließlich selbst zu, dass es sich "nicht um ein realistisches umsetzungsnahes Szenario" handele. Reinhardt verweist auf den im Auftrag der Bundesregierung jüngst verfassten Bericht der Wissenschaftlichen Kommission für ein modernes Vergütungssystem, der den Erhalt der dualen Krankenversicherung empfehle.

Der Regensburger Staatsrechtler Thorsten Kingreen, der dieser Kommission angehörte, äußert sich differenzierter. Er könne einer Bürgerversicherung viel abgewinnen. Momentan erhielten Ärzte für gleiche Leistungen unterschiedliche Honorare. Deshalb würden Privatpatienten bevorzugt - ein Fehlanreiz, sagt Kingreen. Ärztliche Versorgung solle sich nach medizinischer Notwendigkeit richten, "nicht nach dem Versichertenstatus des Patienten".

Den Glauben, das duale System ließe sich von heute auf morgen beseitigen, hält er allerdings für naiv. "Das würde Tausende Praxen in den Ruin treiben." Die Expertenkommission habe deshalb angeregt, die Leistungen und Vergütungen von privater und gesetzlicher Versicherung langsam anzugleichen. Das könne übrigens auch bedeuten, dass die gesetzliche Versicherung dann Ärzten für bestimmte Leistungen mehr zahle als bisher. Aber am Ende stünde eine System, das alle Patienten gleich und gut behandle.

© SZ vom 18.02.2020
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