Bertelsmann Der Nierentisch im Buchgeschäft

Eine Filiale der Buchclubs von Bertelsmann in Düsseldorf

(Foto: dpa)

"Wer lesen kann, liest Bertelsmann", das war einmal. Das Gütersloher Unternehmen stellt im kommenden Jahr seinen Buchclub ein, der einst den Aufstieg des Verlagshauses ermöglichte - und ein Stück Inventar der jungen Bundesrepublik war.

Von Karl-Heinz Büschemann

Jetzt auch noch der Buchclub. Schon wieder verliert das Land ein Stück seines Nachkriegsmobiliars, das wie so vieles in jüngerer Zeit an Glanz verloren hat. Der Bertelsmann Buchclub wird im kommenden Jahr geschlossen. Der gehört zu dem Gütersloher Verlagskonzern wie zum Inventar der Bundesrepublik.

Der Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn, der das kleine am Boden liegende Gütersloher Verlags- und Druckunternehmen seiner Familie im Jahr 1947 übernommen hatte, erfand 1950 ein Geschäft, das so typisch deutsch war wie der Melitta-Kaffeefilter oder der Radio-Bausatz Heinzelmann von Max Grundig und das sensationellen Erfolg brachte: den Bertelsmann Lesering. Die Idee des Kriegsheimkehrers war so erfolgreich, dass Mohn zu einem der großen Nachkriegsunternehmer wurde, der in einer Reihe steht mit anderen Unternehmerlegenden wie Josef Neckermann oder Werner Otto.

Mohn hatte eine ganz eigene Form des Buchvertriebs erfunden: das Abonnement. Das Prinzip passte zur jungen Bundesrepublik, in der es in den Anfängen an Buchhandlungen fehlte. Mohn schickte den Mitgliedern seines Leserings einfach alle paar Wochen ein Buch ins Haus, das aber mit Rabatt. Der Lesering war so etwas wie der Nierentisch im Buchgeschäft. "Wer lesen kann, liest Bertelsmann", war der Erfolgsslogan. Später wurde der Lesering durch ein Netz von Filialen ergänzt und in Buchclub umbenannt.

Buchclub-Pionier Reinhard Mohn 1967 auf einem der Roller beim Círculo de Lectores in Barcelona

(Foto: Bertelsmann AG)

Der Lesering hatte schon vier Jahre nach seiner Gründung eine Million Mitglieder, 1992 waren es sechs Millionen, immer noch ist es eine Million. Und Mohn exportierte seine Idee schnell ins Ausland.

Medienriese aus Ostwestfalen

Das hausbackene Vertriebskonzept machte die Ostwestfalen bald zu einem internationalen Medienriesen. Bertelsmann schaffte über 16 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt über 100 000 Mitarbeiter. Dem Konzern, der heute mehrheitlich im Eigentum der Bertelsmann-Stiftung liegt, gehört der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr mit dem Stern, der internationale Buchverlag Penguin Random House und der TV-Sender RTL.

Die Gütersloher hatten schnell erkannt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen treu sorgende Väter die Bildung ihrer Familien dem Gütersloher Verlag überließen. Das Internet hat dem traditionsreichen Geschäft der Buchgemeinschaft irgendwann ein Ende gesetzt. Eine Zeitlang waren noch Drückerkolonnen unterwegs, um die Kundenzahl zu stabilisieren. Doch irgendwann reifte auch in Gütersloh die Idee, dass der Buchclub am Ende ist.

Ein Verkauf war nicht möglich. Es fand sich kein Interessent. Die Gütersloher halfen sich damit, dass sie das Club-Geschäft in Scheiben verkaufen. Der Konzern trennte sich bald von seinen Aktivitäten in Nordamerika, später auch von denen in Italien, Australien und Frankreich.

Vor drei Jahren versuchten die Bertelsmann-Manager noch eine Auffrischung für das stark schrumpfende Geschäft, indem sie die Filialen für Nichtmitglieder öffneten. Es half nichts mehr. Der Niedergang ging weiter und man darf annehmen, dass es zu den traurigsten Erfahrungen des im Jahr 2009 mit 88 Jahren gestorbenen Reinhard Mohn gehört hat, den Abstieges des Erfolgsmodells mitansehen zu müssen, das ihn und Bertelsmann zum Inventar der Republik gemacht hat.