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Bertelsmann:Alpha und Omega

Zeitenwechsel im ostwestfälischen Gütersloh: Unter dem neuen Konzernchef Ostrowski scheint sich Bertelsmann zum medialen Dienstleister zu wandeln.

Im März 2006 lud Markus Dohle, der damalige Chef von Mohn Media, seine knapp 2000 Mitarbeiter am Standort Gütersloh zur Betriebsfeier in die Stadthalle ein. Es wurde getanzt und gefeiert. Große Reden wurden nicht geschwungen. Aber die Mitarbeiter erfuhren, dass es eine besondere Betriebsfeier sei. Mohn Media, das als eines der führenden Druckhäuser in Europa Kataloge, Kalender und Zeitschriften druckt und heute zur Dienstleistungssparte Arvato gehört, war 60 Jahre alt geworden. Dieses Jubiläum zumindest feierte die Tochterfirma, wie Bertelsmann bestätigt. Der Wunsch dazu sei aus der Reihe der Mitarbeiter gekommen, erinnert sich ein Teilnehmer.

Hartmut Ostrowski, dpa

Bertelsmann-Boss Hartmut Ostrowski: Wohin steuert der neue Chef das Gütersloher Traditionshaus?

(Foto: Foto: dpa)

Wiederaufbau mit dem Heimkehrer

Und es gab ja auch Grund zum Feiern: Direkt nach Kriegsende hatten die verbliebenen Mitarbeiter gemeinsam mit dem aus amerikanischer Gefangenschaft heimgekehrten Verlagserben Reinhard Mohn das von Bomben zerstörte Druckhaus wieder aufgebaut und damit den ersten Schritt zum heute sechstgrößten Medienkonzern der Welt getan. Noch bevor man Bücher verlegte, wurde im Auftrag der britischen Besatzungsmacht gedruckt. So gesehen ist Mohn Media, das als einzige Firma den Namen der Eigentümerfamilie trägt, der Keim der modernen Bertelsmann AG.

Dennoch machte Mohn Media vor zwei Jahren kein großes Aufhebens, nicht einmal die Lokalpresse war informiert. Weder Reinhard Mohn noch einer der Konzernvorstände waren anwesend. Seltsam. Mohn Media hat eine ältere Geschichte als der Verlag, die Bertelsmann seit Jahrzehnten verschämt versteckt und sich stattdessen gerne elf Jahre jünger macht - und das seit langer Zeit. 1824 hat Carl Bertelsmann eine Druckerei gegründet, elf Jahre später fügte er einen Verlag für Missionsschriften hinzu, um die Druckerei auszulasten.

Doch schon beim ersten Jubiläum erinnerte Bertelsmann 1885 an die Gründung des Verlags, nicht der Druckerei. Schon damals brachte Bertelsmann die handwerkliche Dienstleistung des Druckens mit der kreativen inhaltlichen Leistung des Verlegens durcheinander. Den Festsaal schmückte ein Transparent mit der Aufschrift: "Vor fünfzig Jahren fing man an / zu drucken bei C. Bertelsmann." Weil die beiden männlichen Erben von Heinrich Bertelsmann bereits im Säuglingsalter gestorben waren, gingen Verlag und Druckerei nach Heinrichs Tod 1887 auf seine Tochter Friederike und ihren Mann Johannes Mohn über. Und auch deren Sohn Heinrich Mohn sah sich vor allem als missionarisch getriebenen Verleger christlicher Schriften. Doch sein Unternehmen expandierte dank neuer Vertriebstechniken.

Seitdem wird das Jahr 1835 gefeiert. Die Gründerfamilie habe eben "in ihrem verlegerischen Selbstverständnis den Ausgangspunkt des Unternehmens" gesehen, sagt Bertelsmann-Sprecher Andreas Grafemeyer. Deshalb sei das Haus 1935, 1960 und 1985 dieser Tradition gefolgt und werde 2010 das 175. Jubiläum feiern. Für 1824 existiere kein Dokument. Dabei gibt es, wie Grafemeyer bestätigt, ein Notizbuch, in dem Carl Bertelsmann mit Datum vom 19. Juni 1824 seine erste Druckarbeit festhielt. Dieses Jahr gibt Mohn Media auf seiner Website selbst als Gründungsjahr an.

Begrenzte Investitionsmöglichkeiten

Der Hinweis, Bertelsmann habe sich immer schon gerne als Verleger von Inhalten in der Öffentlichkeit dargestellt, mag kleinlich erscheinen. Der Blick auf die Tradition ist aber vielleicht gerade heute, da Bertelsmann sich vom Medien- zum Dienstleistungsunternehmen zu wandeln scheint, vielsagend. Vor wenigen Wochen hat der neue Vorstandsvorsitzende Hartmut Ostrowski erst einen Teil der Buchclubs, dann das Musikgeschäft von BMG verkauft. Der Eigentümerfamilie Mohn hat er versprochen, bis 2015 den Umsatz von jetzt 19 Milliarden auf 30 Milliarden Euro jährlich zu erhöhen.

Er will in die Sparte Bildung investieren, aber seine Möglichkeiten sind durch eine Schuldenlast von mehr als sieben Milliarden Euro begrenzt, die 2006 durch den Rückkauf eines 25-prozentigen Anteils entstand. Der Verkauf von BMG für mehr als 700 Millionen Euro soll neue Investitionen ermöglichen. Zudem versucht sich Bertelsmann darin, neue Geschäftsfelder zu erschließen, beispielsweise als Dienstleister von Kommunalverwaltungen. Der potentielle Markt für Verwaltungsleistungen umfasse allein in Deutschland 20 Milliarden Euro und sei damit größer als das globale Musikgeschäft, hat Arvato-Chef Rolf Buch vorgerechnet, 20 Milliarden bilden ungefähr den Jahresumsatz von Bertelsmann.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Bertelsmann-Boss Kritik kontert.

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