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Berlins neue Macher :Gründermetropole Groß-Berlin

Wettbewerbsfähigkeit Deutschland Innovation Digitalisierung

Die Gründerszene und Forschungseinrichtungen haben bereits vor der Corona-Krise zum starken Wirtschaftswachstum in Berlin beigetragen. Nun erfährt die Digitalisierung in vielen Branchen verändert einen Riesenschub.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Jünger, cooler, moderner: Die Hauptstadt ist Magnet für Wissenschaft, und Start-ups.

Von Steffen Uhlmann

Ein bisschen mehr als 100 Jahre ist es her, dass Berlin zur wahren Weltstadt aufstieg. Ende April 1920 wurden der schnell wachsenden und aus den Nähten platzenden Stadt per Gesetz knapp 100 Umlandkommunen einverleibt. Heraus kam ein Groß-Berlin, das mit knapp vier Millionen Einwohnern weltweit nur noch London und New York vor sich hatte. Ein Jahrhundert später boomt die Hauptstadt wieder - als Stadt des freien Geistes, die Kreative, Künstler, Aus- und Umsteiger gleichermaßen anzieht und Berlin zum Ort für die Verwirklichung von Lebensträumen und Innovationen gemacht hat. So sehen das jedenfalls die Protagonisten der Hauptstadt, die dabei vor allem auf Berlins Gründerszene verweisen. Deren Akteure sind in den vergangenen Jahren mit immer neuen und bisweilen auch abwegigen Geschäftsideen an den Start gegangen und haben das gesamte Leben in Berlin verändert.

Sie sind das neue Kapital einer Stadt, die ihren Vorkriegsnimbus als wichtigste Industriemetropole Europas durch die Nachkriegsteilung wohl für immer eingebüßt hat. Angezogen von dem Vakuum in Berlin nach der Wende, den Clubs, die in verlassenen Fabriketagen und in leeren Kellern eröffnet wurden, von billigen Mieten und günstigen Lebenshaltungskosten, wuchs von Jahr zu Jahr der Treck vor allem junger Leute nach Berlin - nicht zuletzt auch wegen des diffusen Gefühls, dass in Berlin mehr und "Hipperes" passiert als anderswo in Deutschland und gar der Welt.

Für Berlin ein Glücksfall. "Die Stadt wurde zur deutschen Start-up-Metropole, die mit den Jahren mehr und mehr an internationalem Gewicht gewann und nun neben London und Paris zu den Top-drei-Gründerstädten Europas gehört. Das hat sich auch wirtschaftlich ausgezahlt. Gründerszene und Forschungseinrichtungen haben neben Tourismus, Kreativ- und Medienbranche dazu beigetragen, dass das Berliner Wirtschaftswachstum seit 2016 stets deutlich über dem Bundesdurchschnitt gelegen hat. 2018 und 2019 war man sogar Spitzenreiter - mit allen positiven Folgen für Beschäftigung und Kassenlage im immer noch hoch verschuldeten Land Berlin. Seit aber das Coronavirus auch Berlin im Griff hat, ist alles anders. Die Hauptstadt ist nach Berechnungen der Investitionsbank Berlin (IBB) beim Wirtschaftswachstum vom Spitzenreiter zum Schlusslicht geworden und hat auch bei Beschäftigung und Steuereinnahmen den Rückwärtsgang eingelegt. Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) jedenfalls rechnet gegenüber den ursprünglichen Planungen mit Mindereinnahmen von weit mehr als vier Milliarden Euro in diesem und im nächsten Jahr. Er hofft, dass Berlin bis Ende 2022 wieder aus der "schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Wiedervereinigung" herausfinden kann.

Das Virus aber hat nicht nur den Wachstumspfad blockiert, sondern auch Streit um das "Berliner Geschäftsmodell" neu entfacht. Der Fokus auf Dienstleistungen und Tourismus, auf Kreativ- und Eventbranche habe nun bittere ökonomische und soziale Folgen für die Stadt, monieren Kritiker wie Kollatz' Genosse Björn Böhning, lange Jahre Chef der Berliner Senatskanzlei und nun Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Berlin müsse sich umstellen und benötige dazu "dringend ein neues Modell der Wertschöpfung", glaubt Böhning. Dazu gehöre eine neue Technologiepolitik, die vor allem Start-ups fördere, die im Verbund mit der Industrie digitale Innovationen in Zukunftsbereichen wie Energie, Mobilität oder Infrastruktur vorantreiben.

Hinzu kommen müsse eine klügere Wissenschafts- und Forschungspolitik, die der schon jetzt bedeutenden Forschungslandschaft mehr Geltung verschafft. Schließlich benötige die Hauptstadt im 100. Jahr der Gründung von Groß-Berlin eine neue "ökonomische Umlandstrategie". Das Wachstum Berlins, so Böhning, werde zunehmend vom Wachstum der gesamten Metropolregion Berlin-Brandenburg und des Berliner Umlands getragen.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Die Grünen) sieht Berlin schon jetzt stark in den digitalen Zukunftsfeldern - im Bunde mit Brandenburg. Dafür stehe die gemeinsame Innovationsstrategie beider Länder, die bereits seit Jahren auf Felder setze, die auch nach der Krise besonders gefragt sein werden, etwa die Bereiche Gesundheit, Energie und Mobilität. Offen bleibt, wieeng sich dabei die Beziehungen zu Brandenburg entwickeln werden. Denn bei aller Gemeinsamkeit: Berlin und Brandenburg bleiben Konkurrenten. Als der Elektroautobauer Tesla für seine erste europäische Produktionsstätte die Region Berlin-Brandenburg wählte, war von Gemeinsamkeit wenig zu spüren, da verhandelten beide Länder unabhängig voneinander mit Tesla-Chef Elon Musk. Brandenburg hatte das bessere Ende und bekam den Zuschlag für das Vier-Milliarden-Euro-Projekt.

Brandenburg profitiert von der Nähe zu Berlin

Die Gigafabrik in Grünheide und die Nachfolgeinvestition des Chemiekonzerns BASF, der an seinem Lausitzer Standort Schwarzheide eine Fabrik für Batteriechemikalien errichten will, sind für Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ein weiterer Beleg, dass der Strukturwandel im Braunkohleland Brandenburg in Gang gekommen ist. Dazu trägt auch der neue Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld bei, der nach Jahren voller Pleiten, Pech und Pannen nun endlich eröffnet wurde. "Der Standort ist bereits jetzt ein Hotspot für Wachstum und Innovation im Osten Deutschlands", sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) und verweist auf die fast 900 Ansiedlungen mit knapp 40 000 Beschäftigten, die sich seit 2013 im Umfeld des BER angesiedelt hätten. Mit mehr Platz und geringeren Gewerbesteuern gegenüber dem Konkurrenten Berlin hat es Brandenburg inzwischen auch geschafft, mehr Industriearbeitsplätze auf sich zu vereinen.

Auch sonst hat Brandenburg bis zum Beginn der Corona-Krise deutlich an Dynamik gewonnen. Im Speckgürtel der Hauptstadt herrscht im Gegensatz zu den berlinfernen Regionen nahezu Vollbeschäftigung. Die Kaufkraft in den Kommunen am Rande der Hauptstadt ist inzwischen noch vor Berlin die höchste in ganz Ostdeutschland. Und auch bei den Start-ups hat Brandenburg einen deutlichen Sprung nach vorn gemacht. Mit durchschnittlich 134 Gründungen je 10 000 Einwohner hat sich Brandenburg laut Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im bundesweiten Vergleich von Platz acht auf Platz drei verbessert. Das aber, so die Verfasser des Monitors, liege vor allem daran, dass sich Gründer zumeist in Ballungsräumen ansiedeln - und da kann Brandenburg nun mal mit der Nähe zu Berlin punkten.

© SZ vom 30.10.2020
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