Wohnungsmarkt Sie wollen nicht nach Berlin

Außerhalb der Großstädte fahren Züge nicht so dicht getaktet. Das kann Pendler frustrieren.

(Foto: dpa)

Die Wohnungsnot in der Hauptstadt treibt Berliner ins Umland. Doch auch dort ziehen die Preise an - und das Pendeln kostet Zeit. Ein Besuch in Eberswalde.

Von Hannah Beitzer, Eberswalde

Morgens um sechs beginnt am Bahnhof von Eberswalde der Kampf um die letzten Parkplätze. Auto um Auto schiebt sich im Dunkeln in die wenigen freien Lücken, während einige Dutzend Menschen schon im Nieselregen auf den Zug nach Berlin warten. Die Italienerin Cristina Figliuolo ist eine von ihnen. Seit zweieinhalb Jahren lebt die 30-Jährige in der Stadt im Nordosten Brandenburgs, arbeitet jedoch in der Buchhaltung eines Berliner Start-ups. 1500 Euro brutto verdient sie. "Eigentlich wäre ich gerne direkt nach Berlin gezogen", sagt sie. "Aber ich kann mir die Miete nicht leisten." In Eberswalde kann sie umsonst in der Wohnung von Freunden ihrer Eltern leben.

So wie Figliuolo könnte es bald mehr Leuten gehen. Die Mietpreise in Berlin steigen, von den Kaufpreisen gar nicht zu sprechen. Städte wie Eberswalde, Luckenwalde, Lübben oder Brandenburg an der Havel, die sogenannten "Städte in der zweiten Reihe", sollen die Hauptstadt entlasten. So steht es im Landesentwicklungsplan der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg. In anderen Regionen Deutschlands sieht es nicht anders aus. Längst gibt es auch in vielen Klein- und Mittelstädten rasanten Preisanstieg, weil sich viele Menschen die Metropolen nicht mehr leisten können und ausweichen.

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Berlin und Brandenburg wollen in Zeiten der Wohnungsnot verhindern, dass um Berlin ein "Siedlungsbrei" entsteht - und deswegen den Zuzug in Städte fördern, die zwar nicht an das Berliner S-Bahnnetz angeschlossen sind, aber eine gute Zuganbindung haben. Vom Bahnhof Eberswalde zum Beispiel dauert es mit dem RE 3 eine halbe Stunde zum Berliner Hauptbahnhof. Aber kann das funktionieren, Menschen in brandenburgische Kleinstädte zu verpflanzen - und zwar so, dass sie sich dort auch wohlfühlen?

Friedhelm Boginski glaubt: das geht. Der 63-jährige FDP-Politiker ist seit 2006 Bürgermeister von Eberswalde. Und er beobachtet, dass immer mehr junge Menschen aus Berlin nach Eberswalde ziehen, vor allem solche mit kleinen Kindern. "Sie schätzen das Kleinstadtflair, die Natur, und dass sie die Kinder morgens zu Fuß in die Kita bringen können." Im Zentrum trennen Rathaus, Marktplatz, kleine Geschäfte, Restaurants, Cafés und Bäckereien nur wenige Schritte voneinander.

Boginski weist auf eine große Karte der Stadt, die im Flur vor seinem Büro hängt. Die Häuser reihen sich gürtelförmig am Finow-Kanal entlang, der ältesten künstlichen Wasserstraße Deutschlands. Und rundherum ist alles grün. "Es gibt keinen Punkt in Eberswalde, von dem aus man länger als zehn Minuten in den Wald oder an den See braucht", sagt Boginski.

Ob es nun an den Berliner Wohnungspreisen liegt oder am idyllischen Kleinstadtleben - Eberswalde wächst. 42 000 Einwohner hat die Stadt mittlerweile wieder; 2013 war ein Tiefpunkt mit knapp unter 39 000 Einwohnern erreicht. Nicht alle Zuzügler kommen aus Berlin, viele sind auch ältere Leute aus den umliegenden Dörfern, die eine gute ärztliche Versorgung und Geschäfte in Fußweite brauchen. "Aber wir haben auch zwischen 350 und 400 Zuzüge aus Berlin pro Jahr", sagt Boginski.