Raumfahrt:In tödlicher Umgebung eine Mini-Welt aufbauen - da gibt es viel zu lernen

Bemannte Raumfahrt, nur weil es schwer ist? Das war dann doch einigen Amerikanern zu wenig. Sie sahen das ganz nüchtern: "Es wird 35 Milliarden Dollar kosten, zwei Männer auf den Mond zu bringen. Es würde zehn Milliarden Dollar kosten, jede arme Person in diesem Land in diesem Jahr über die Armutsgrenze zu heben," geißelte etwa der Bürgerrechtler Whitney Young die Raumfahrtpläne. Und die Gegenseite argumentierte auch nicht anders als heute: Raketenforscher Wernher von Braun notierte entnervt: Die "ewigen Nörgler und Kritiker" sollten doch bitte zur Kenntnis nehmen, dass "auch vom wirtschaftlichen Standpunkt aus die Weltraumfahrt nicht eine so hirnverbrannte und verschwenderische Angelegenheit ist, wie häufig behauptet wird."

Der Punkt ist: Kennedy plagten selbst Zweifel. "Glauben Sie, dass der Mond, die bemannte Landung auf dem Mond eine gute Idee ist?" fragte er den damaligen Chef der Nasa, James Webb, 1963. "Könnten Sie nicht das Gleiche mit Instrumenten erreichen und viel billiger?" Kennedy brauchte dafür in heutigen Maßstäben insgesamt mehr als hundert Milliarden Dollar vom Kongress und befürchtete, dass ohne gute Argumente am Ende alles nach einem Stunt aussehen könnte. Zumal die Sowjets da schon nicht mehr richtig mitzogen: "Ich meine, wenn die Russen sich noch mal richtig anstrengten, würde es das Interesse wieder stimulieren," sagte Kennedy. "Aber derzeit hat der Weltraum viel von seinem Glamour verloren." Webb aber gab die Antwort, die bis heute gilt: Investitionen in Technik und Wissenschaft würden sich als entscheidende Elemente erweisen, das Land voranzubringen.

Kalifornier meinen solche Sätze ernst: "Wir sollten einen zweiten Planeten als Back-up haben."

Es entfaltete dann auch enormen Einfluss auf die Wirtschaft: Das Apollo-Programm beschäftigte zeitweise 400 000 Menschen sowie etwa 20 000 Firmen und Universitäten. Computertechnik, Leichtbau, der Umgang mit Strahlung und Schwerelosigkeit - es gab viel zu forschen und zu lernen. Die USA bereiteten mit dem Geld das Fundament, auf dem dann die Hightech-Branche aufsetzen konnte.

So ist es bis heute: Wie ein Hologramm durchdringt die Raumfahrt - ähnlich wie das Militär - alle Bereiche der Hochtechnologie, im Falle der bemannten Raumfahrt auch noch die der Medizin und Psychologie. Die bemannte Raumfahrt potenziert dabei den Aufwand, weil sie für den Menschen in absolut tödlicher Umgebung eine Mini-Welt aufbauen muss - mit allem, was der Mensch zum Leben benötigt. Aber sie potenziert auch den Erkenntnisgewinn, weil Menschen ihre Umwelt anders wahrnehmen als Roboter, flexibler reagieren und selbst Hand anlegen können.

Das gilt auch etwa für die Versuche auf der ISS, die die europäische Raumfahrtagentur ESA gerne mal als Ertrag bemannter Raumfahrt anführt, weil diese Versuche auch zur Lösung von Problemen auf der Erde beitragen könnten. Ein Beispiel: Im All entwickelt sich Osteoporose etwa 30 Mal schneller als auf der Erde. Das heißt, die Wirkung möglicher Therapien lässt sich an Bord der ISS im Zeitraffer testen. Oder: Tumore wachsen im Labor der ISS dreidimensional und damit wie im menschlichen Körper - anders etwa als in einer Petrischale auf der Erde.

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