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Luftverkehr:Airlines umfliegen nach Ryanair-Vorfall Belarus

Belarus: Flugzeug der Airline Belavia

Die Sperrung des EU-Luftraums für belarussische Flugzeuge trifft die staatliche Airline Belavia hart.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Rund 340 Flüge täglich sind betroffen, für manche Langstrecken bedeutet die Entscheidung kleinere Umwege, für die meisten Airlines sind die Auswirkungen gering.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Die belarussische Zivilluftfahrtbehörde nahm es besonders genau. Auf ihrer Internetseite veröffentlichte sie ein äußerst ausführliches Statement über den genauen Ablauf des Ryanair-Fluges 4978. Eine E-Mail von "Hamas-Soldaten" sei bei mehreren Flughäfen eingegangen. In dieser sei ein Waffenstillstand für den Gazastreifen verlangt worden, den es zu dem Zeitpunkt allerdings schon gab. Wenn die Forderung nicht erfüllt werde, werde an Bord der Maschine über Vilnius eine Bombe explodieren. Die Behörde veröffentlichte auch den angeblichen Wortlaut der Kommunikation zwischen Piloten und Flugsicherung.

Ob die Kommunikation vollständig oder richtig wiedergegeben ist, wird Ryanair über die Stimmaufzeichnung im Cockpit, die zumindest die Aussagen der Piloten festgehalten hat, ansatzweise prüfen können. Was aber in der langen staatlichen Stellungnahme definitiv fehlt, ist der Hinweis, dass ein Kampfjet die Ryanair-Maschine bis Minsk begleitete, wo der an Bord befindliche Journalist Roman Protassewitsch und dessen Freundin festgenommen wurde. Laut Staatschef Alexander Lukaschenko wurde das Kampfflugzeug nur deswegen geschickt, weil die Ryanair-Maschine über ein Atomkraftwerk flog. Ryanair-Chef Michael O'Leary und viele westliche Politiker sprechen von einer bewussten Entführung des Flugzeuges.

Für das Land hat der Vorfall gravierende Folgen, vor allem durch die avisierte Sperre des EU-Luftraumes für belarussische Flugzeuge und die Empfehlung an europäische Airlines, das Land zu umfliegen. Belarus ist damit weitgehend nur auf dem Landweg zu erreichen. Der europäischen Flugsicherungsbehörde Eurocontrol zufolge haben in den vergangenen vier Wochen am Tag durchschnittlich 339 Flüge den Luftraum von Belarus genutzt, entweder für Überflüge oder weil sie Ziele im Land ansteuerten. Derzeit finden in Europa täglich ungefähr 15 000 Flüge statt, nur ein sehr geringer Anteil ist also betroffen.

Für einige Airlines bedeutet die Sperre Umwege. Air-Baltic-Chef Martin Gauss etwa rechnet für die lettische Fluggesellschaft mit rund zehn Minuten längeren Flugzeiten bei Zielen im Süden. Auch auf einigen Langstreckenflügen in Richtung Asien müssen europäische Fluggesellschaften ausweichen, bei Lufthansa sind auch einige der Moskau-Verbindungen betroffen. Vor allem russische als auch asiatische Airlines nutzten den belarussischen Luftraum am Mittwoch weiter für Flüge von und nach Europa. Besonders hart trifft es die staatliche belarussische Airline Belavia, die laut Eurocontrol täglich 46 Flüge geplant hat und deren Betrieb nun stark eingeschränkt ist. Dem Staat entgehen Überfluggebühren. 2019 lagen sie bei rund 81 Millionen Euro.

© SZ/shs
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