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Bei uns in Bern:Wahlkrampf in der Schweiz

Kurz vor der Parlamentswahl im Oktober verwandelt sich die sonst so langweilige Schweizer Politik in eine bunte Spielwiese mit skurrilen Plakaten - und noch skurrileren Werbefilmen.

Von Isabel Pfaff

Am 20. Oktober wählen die Schweizer ein neues Parlament, und wer das zum ersten Mal erlebt, kann nicht anders, als sich ein wenig zu wundern. Wahlkampf, das heißt hier offenbar: Für ein paar Wochen ist die sonst so langweilige Schweizer Politik eine große Spielwiese. Anders kann man es sich kaum erklären, dass nun Plakate hängen mit den Slogans "Echt, knackig, zackig" oder "Deine Mutter wählt SP. Hör auf sie". Eine Kandidatin jubelt auf ihrem Plakat neben einem nackten Mann (weil sie sich für den Nacktbadebereich in Basel stark macht), eine andere hat über ihr Foto den Satz "Bald kommen meine Tage" schreiben lassen (weil sie zeigen will, dass sie bereit ist, Tabus zu brechen). Die beiden größten Parteien im Parlament, die Schweizerische Volkspartei (SVP) und die Sozialdemokraten (SP), haben es sich noch dazu nicht nehmen lassen, ihre Botschaften in kleine Spielfilme zu packen.

Bei der SP ist es ein kurzer Clip namens "Day of Decision" geworden, der wie der Trailer eines Action-Thrillers daherkommt: Mächtige Konzernbosse versuchen, der Politik ihre Wünsche zu diktieren: mehr Rüstung, weniger Umweltschutz. Einzig ein paar junge, furchtlose Parlamentarier stellen sich diesem Plan entgegen: die SP-Fraktion. Ganz schön viel Zeit und Geld haben die übrig, denkt man sich, während die (echten) Politiker sich im Film Schlägereien liefern, konspirativ im Bundeshaus beraten und dramatisch durch die heiligen Hallen des Parlaments eilen.

Doch da hat man den filmischen Beitrag der SVP noch nicht gesehen. Ganze fünf Episoden umfasst die Wahlkampf-Serie der Partei, eine Art Action-Komödie mit den wichtigsten Köpfen, allen voran natürlich Partei-Übervater Christoph Blocher. In teils langatmigen Szenen wird ein recht simpler Plot ausgebreitet: Blocher verdächtigt die SP, die Schweiz in die EU führen zu wollen; diesen geheimen Plan will er mit Hilfe der Parteioberen aufdecken. Dazu versammeln sich die (echten) Politiker in dunklen Kammern, schlüpfen in Kampfanzüge und führen viele geheime Telefonate im Auto. Die fehlende schauspielerische Leistung versuchen die SVP-Spitzen mit selbstironischen Verweisen wettzumachen. Blocher-Tochter Magdalena Martullo erinnert etwa mit einem Zitat an einen legendär peinlichen Dokumentarfilm über sie, und Finanzminister Ueli Maurer soll in einer Szene nochmal ins Gästebuch schreiben - um die Rechtschreibfehler auszubügeln, die ihm kürzlich beim Gästebuch-Eintrag im (echten) Weißen Haus unterlaufen sind. Mal sehen, was in der nächsten Folge passiert. Bisschen wie Netflix, dieser Schweizer Wahlkampf.

© SZ vom 27.09.2019
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