Süddeutsche Zeitung

Bei uns im Adlon:Begegnungen

Wie sich Siemens-Vorstand Michael Sen und Tesla-Chef Elon Musk fast in dem Hotel in Berlin getroffen hätten - aber nur fast.

Von Thomas Fromm

Es wäre wahrscheinlich nicht die schlechteste Art, seine Zeit totzuschlagen: Einfach mal ein paar Tage, vom ersten Espresso bis zum letzten Rotweinglas am späten Abend, in dieses Hotel gehen, sich hinsetzen, warten, schauen. Zwischendurch ein bisschen zwischen den Tischen umherflanieren, dem Pianisten beim Great American Songbook zuhören, dann weiter schauen.

Das Hotel am Brandenburger Tor ist einer jener Orte, von denen man sich eigentlich gar nicht fortbewegen muss. Es bewegt sich um einen herum ja schon genug, man muss nur gut genug hinsehen. Rein, raus, bleiben, gehen. Das Hotel als eine Art ewige Drehtür, durch die alle irgendwann mal durch müssen. Die einen haben sich hier verabredet, die anderen treffen sich zufällig, und wieder andere verpassen sich (auch zufällig). Vom Schlagersänger zum Jazz-Musiker, von Politikern zu Schauspielern, vom indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie zum südafrikanisch-kalifornischen Tesla-Chef und Space-X-Gründer Elon Musk. An diesem Montagabend nun saß dieser 48-Jährige, den nicht wenige für einen Visionär, mindestens aber für ein Genie halten, mit einer Handvoll junger Leute in einer Sitzecke neben dem zentralen Fahrstuhl des Adlon. Verdeckt von ein paar Bodyguards, hielt er dort Hof.

Hätte er ein paar Stunden früher dort gesessen, wäre er vielleicht dem Siemens-Vorstand Michael Sen über den Weg gelaufen. Der ist nur drei Jahre älter als Musk, auch er ist ein Mann der Wirtschaft, wenn auch ein ganz anderer Typ. Wären sie sich also begegnet, hätten sie über vieles reden können. Den Klimawandel, erneuerbare Energien, Elektroautos. Oder aber auch über die hohe Kunst des Twitterns. Siemens-Chef Joe Kaeser hatte erst vor ein paar Tagen eine Botschaft abgesetzt: "Wenn ein kiffender Kollege in USA von Peterchens Mondfahrt spricht, ist er ein bestaunter Visionär." Da Musk schon mal vor laufender Kamera an einem Joint gezogen hat, und weil seine Besiedlungspläne für den Mars schon ziemlich weit fortgeschritten sind, lag der Verdacht nicht ganz fern, dass sich Kaeser auf ihn bezog. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht war alles auch nur reiner Zufall gewesen, so wie auch in großen Großstadt-Grandhotels so vieles einfach nur reiner Zufall ist. Wer wann durch die Drehtür kommt, wer wann wieder geht. Wer wen trifft, wer wie lange bleibt.

Am Dienstagmorgen frühstückte der Mann aus Kalifornien dann im Hotel, einige Menschen schauten für ein Gespräch bei ihm vorbei. Wahrscheinlich hatten sie eine Verabredung.

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Quelle:
SZ vom 13.11.2019
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