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Inklusion:"In so einem Unternehmen würde ich schlicht nicht arbeiten"

Laura Gehlhaar

"Wer sich nicht divers aufstellt, findet keine guten Mitarbeiter mehr", sagt Diversitytrainerin Laura Gehlhaar.

(Foto: Marco Ruhlig)

Sie berät seit sechs Jahren Unternehmen zu Inklusion und Barrierefreiheit. Laura Gehlhaar erklärt, wodurch viele Firmen behinderte Menschen an Teilhabe hindern.

Interview von Helena Ott

Laura Gehlhaar fühlt sich durch ihre Behinderung nicht körperlich beeinträchtigt. Die Behinderung entstehe erst durch physische Barrieren und Menschen, die sie abschätzig behandeln. Die 37-Jährige nutzt seit mehr als zehn Jahren einen Rollstuhl. Seit 2014 berät sie Unternehmen, wie sie behinderte Menschen gewinnen, wie sie Internetseiten und Firmengelände barrierefrei gestalten und ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem sich Behinderte gleichermaßen geschätzt fühlen wie Nichtbehinderte.

SZ: Viele Unternehmen schreiben sich gerade Diversität dick auf die Fahnen. Kommt die Privatwirtschaft voran?

Laura Gehlhaar: So wie ich das erlebe, denken die Unternehmer dabei vorwiegend an Frauen und vielleicht gerade noch an Menschen mit anderer Hautfarbe oder Herkunft. Sie vergessen damit aber ganz zentrale Perspektiven: sexuelle Orientierung, Alter und Behinderung.

Jeder zehnte Mensch in Deutschland ist schwerbehindert. Warum werden so viele Menschen nicht richtig mitgenommen?

Die Chefetagen bestehen nun mal aus weißen, nicht behinderten Männern. Die Welt um sie ist auf sie angepasst. Sie können nicht nachempfinden, wie es ist, nicht mitmachen zu dürfen. Und wenn jetzt auf einmal Frauen, Migranten und Behinderte kommen und mitgestalten wollen und einen Teil der Macht beanspruchen, erzeugt das erst mal einen Abwehrreflex.

Aber dazu werden die Firmenchefs doch jetzt immer mehr von Diversitätsbeauftragten beraten.

So wie ich das beobachte, sitzen auf diesen Posten aber nicht Rollstuhlfahrer und Schwarze; zum Teil sind es ja nicht mal Frauen. Für mich als weiße behinderte Frau ist das unfassbar unglaubwürdig, wenn da Menschen für Diversität verantwortlich sind, die nicht einmal eine einzige Marginalisierungserfahrung kennen. In so einem Unternehmen würde ich schlicht nicht arbeiten.

Laura Gehlhaar

Laura Gehlhaar berät Firmen, wie ihre Teams diverser werden können und behinderte Menschen sich willkommen fühlen.

(Foto: Marco Ruhlig)

Drei Viertel der Unternehmen halten sich nicht an die Quote für Menschen mit Behinderung. Wie könnte man den Druck erhöhen?

Ich glaube, dass Unternehmen in den nächsten fünf Jahren nicht mehr die Wahl haben. Wer sich nicht divers aufstellt, findet keine guten Mitarbeiter mehr.

In Bürogebäuden in der Stadt gibt es oft keine Aufzüge, Supermärkte haben schmale Gänge.

Ja, die Privatwirtschaft ist von Barrierefreiheit noch weit entfernt. Das ist in skandinavischen Ländern, aber auch in den USA und Großbritannien längst Standard. Der Gesetzgeber muss die Unternehmen endlich zwingen, Websites, Firmengelände und ihre Dienstleistungen barrierefrei zu machen, so wie Behörden auch. Das dürfte gar nicht zur Diskussion stehen, jeder hat nach dem Grundgesetz ein Recht auf Gleichberechtigung.

Viele behinderte Menschen berichten, dass sie von Kollegen und Vorgesetzten ausgegrenzt oder gering geschätzt werden.

Das kann wahnsinnig verletzend sein, egal, wie es gemeint ist. Ein Umdenken in den Köpfen von privilegierten Menschen zu erreichen, ist für alle ein wahnsinnig emotionaler und kräftezehrender Prozess. Aber ich glaube fest, dass, sobald mehr behinderte Menschen Zugang zu Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt haben, sie sichtbarer, mehr gesehen und mehr gehört werden. Dann ist auch ein Umgang unter Behinderten und Nichtbehinderten auf Augenhöhe möglich.

Wie können Nichtbehinderte die Anliegen behinderter Kollegen unterstützen?

Ich erlebe oft, dass Nichtbehinderte in meinem Umfeld sich nicht mal trauen, Behinderung auszusprechen, und das dann mit Begriffen wie Handicap und Beeinträchtigung umschiffen. Dahinter steckt der Gedanke, dass die Menschen in jedem Fall unter ihrer Behinderung leiden und das ein negativer Zustand ist.

Aber wünschen sich nicht schon die meisten Menschen mit Behinderung, auch aufrecht gehen, gut hören zu können oder nicht ständig aufzufallen?

Allein infrage zu stellen, dass wir nicht glücklich sind, wie wir sind, ist schon behindertenfeindlich. Wir sind vielfältig: Es gibt Menschen, die unter ihrer Behinderung leiden, aber ich kenne auch ganz viele, die stolz auf ihre Behinderung sind und was sie erreicht haben. Ich bin auch manchmal traurig und wütend, wenn ich diskriminiert werde. Aber dann nicht auf meine Behinderung, sondern auf die Menschen, die mich abschätzig behandeln.

Was hat ein Unternehmer von diversen Teams, in denen auch Menschen mit Behinderung mitreden?

Unsere Gesellschaft ist divers, das ist nun mal Fakt. Und als Unternehmen will ich ja mit meinen Produkten und Angeboten möglichst viele Menschen da draußen ansprechen. Das schaffe ich nur mit einem diversen Team, das unterschiedliche Lebensrealitäten kennt.

© SZ

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