Befragung:Seniorenheime: Jedes dritte befürchtet Insolvenz

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Eine pflegebedürftige Frau sitzt in einem Apartment hinter einem Rollator. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Symbolbild)

Weil viele Altenheime nicht genug Mitarbeiter finden, bauen sie teils Betten ab. Zugleich leben auch in Hessen immer mehr Senioren. Ein Widerspruch, zu dem sich steigende Kosten gesellen. Die Diakonie hat sich in Heimen umgehört, wo sie Probleme sehen.

Direkt aus dem dpa-Newskanal: Dieser Text wurde automatisch von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen und von der SZ-Redaktion nicht bearbeitet.

Wiesbaden (dpa/lhe) - Zu wenig Personal, steigende Kosten, bürokratische Hemmnisse: Jede dritte Einrichtung der Seniorenhilfe in Hessen sieht sich von Insolvenz bedroht. Das geht aus einer Befragung von fast 100 Einrichtungen hervor, deren Ergebnisse die Diakonie des Bundeslandes am Freitag in Wiesbaden vorgelegt hat.

Der gravierende Personalmangel zwinge Seniorenheime zum Bettenabbau - trotz ihrer oft langen Wartelisten mit betagten Interessenten und der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft. Drei Viertel der befragten Einrichtungen mussten daher ihre Leistungen in den vorherigen sechs Monaten einschränken, um ihre Pflegequalität zu halten, wie die Diakonie als Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche mitteilte. Weniger Betten, weniger Einnahmen - das beeinträchtige die Liquidität.

Dabei steige angesichts der hohen Inflation der Kostendruck. Wegen bürokratischer Hürden wie etwa längerem Warten auf die Einstufung eines Heimbewohners in einen höheren Pflegegrad müssten Einrichtungen zudem oft länger auf zusätzliche Einnahmen warten. Die Fähigkeit zu Vorfinanzierung reicht laut Diakonie jedoch bei gut zwei Fünfteln der befragten Einrichtungen nicht einmal für einen Monat aus.

Offene Stellen in der Seniorenpflege bleiben nach den Angaben häufig lange unbesetzt. „Die Lücke in der Versorgung wird oftmals über den Einsatz teurer Leiharbeit oder Überstunden beim Stammpersonal überbrückt“, hieß es weiter. Dies könne zu einem höheren Krankenstand führen. Seit Jahren berichte der Gesundheitsreport der Krankenkassen über eine hohe Ausfallquote in der Seniorenpflege.

Nicole Ruthof, Wohnbereichsleiterin in einem Wiesbadener Seniorenheim, sagte: „Vor 30 Jahren hatten wir Zeit für die Bewohner, da gab es noch keinen Bürokratiewahnsinn“ mit ausführlicher vorgeschriebener Dokumentation der Arbeit. Jetzt müsse sie viel mehr vor dem PC sitzen: „Dafür habe ich diesen Beruf nicht ergriffen.“ Vor drei Jahrzehnten habe sie für das Duschen eines Bewohners ein „D“ und für einmal Bettenmachen ein „B“ auf einen Zettel gemacht - fertig.

Ilka Müller, Prokuristin der Altenhilfe des evangelischen Vereins EVIM, sagte, die offiziellen Gutachten für einen höheren Pflegegrad kämen teils so spät, dass ein Bewohner „in der Zeit schon verstorben ist“. Dann noch bei Angehörigen auf ausstehende Zahlungen zu dringen sei „ein ethischer Konflikt“.

Laut Frank Kadereit, Geschäftsführer der EVIM-Altenhilfe, werben überdies Zeitarbeitsfirmen Pflegeschüler mit besserer Bezahlung ab. Prokuristin Müller ergänzte, Mitarbeiter dieser Firmen schlügen in Seniorenheimen auch Stammpersonal einen Wechsel zu ihnen vor. Der Vorstandschef der Diakonie Hessen, Carsten Tag, betonte, der Rückgriff auf Zeitarbeit sei auch in der Seniorenpflege wichtig bei Engpässen - „aber wir sollten sie begrenzen“.

Insgesamt forderte die Diakonie Hessen weniger Bürokratie und mehr Digitalisierung, um Prozesse in der Pflege zu beschleunigen und zu vereinfachen. Nötig sei eine grundlegende Finanz- und Strukturreform, welche über die am Freitag auch vom Bundesrat gebilligte Pflegereform in Deutschland hinausgehe.

Vom Land Hessen müsse es ebenfalls mehr Rückendeckung geben. Diakonie-Abteilungsleiterin Sonja Driebold erklärte: „Dazu gehört die Refinanzierung von flexibleren Arbeitsmodellen wie beispielsweise Springerpools und auch eine für Pflegeschulen ausreichend finanzierte Ausbildung.“ Diakonie-Hessen-Chef Tag forderte für Verbesserungen in der Pflege einen neuen Sozialgipfel im Bundesland.

Laut dem hessischen Sozialministerium kommt zum demografischen Wandel noch der Anstieg der Zahl von Ein-Personen-Haushalten und Menschen ohne „soziales Unterstützungsnetzwerk“. Der Bundesgesetzgeber strebe bereits Verbesserungen für Pflegerinnen und Pfleger an: „Es wird jedoch dauern, bis diese Maßnahmen Wirkung zeigen, etwa weil neues Personal zunächst ausgebildet werden muss.“ Die wachsenden Kosten in der Pflege müssen dem Sozialministerium zufolge angemessen solidarisch verteilt werden. Dazu diene auch die beschlossene Erhöhung des Beitrags zur Pflegeversicherung zum 1. Juli 2023.

© dpa-infocom, dpa:230615-99-69518/5

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