Öffentlicher Dienst:"Wir schlittern in eine grundsätzliche Vertrauenskrise"

Einheiten der Feuerwehr stehen an bei den Deutschen Treppenlaufmeisterschaften 2021 im KölnTurm im Mediapark. In erster

Feuerwehrfrauen und -männer genießen in der Bevölkerung ein besonders hohes Ansehen.

(Foto: Christoph Hardt/imago images)

Was halten die Deutschen vom Staat und seinen Beamten? Die Hälfte glaubt, dass der Staat mit seinen Aufgaben und Problemen überfordert ist. Echtes Vertrauen sieht anders aus.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Die erste Phase der Corona-Krise hat dem Staat 2020 ein Zwischenhoch beschert, was sein Ansehen bei den Bürgern angeht. Nun aber ist es damit offenbar schon wieder vorbei, jedenfalls wenn man der neuen Bürgerbefragung zum öffentlichen Dienst glaubt, die der Beamtenbund (DBB) beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegeben hat. Der Umfrage zufolge fanden 2020 nur 40 Prozent der Bürger, der Staat sei mit seinen Aufgaben und Problemen überfordert. Mittlerweile aber sind es 51 Prozent - zwar nicht ganz so viele wie 2019, als 61 Prozent dieser Meinung waren, aber immerhin wieder gut jeder Zweite.

Einmal im Jahr lässt der Beamtenbund via Forsa den Bürgern den Puls fühlen. Konkret geht es ihm dabei um den öffentlichen Dienst; die DBB-Gewerkschaftsfamilie organisiert viele Beamte und Angestellte, die im Dienst des Staates stehen - von Polizisten bis zu Steuerbeamten. Für die aktuelle Umfrage wurden im Juli 2006 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger befragt und zusätzlich 1004 repräsentativ ausgewählte Beschäftigte im öffentlichen Dienst.

Immer mehr Befragte halten Beamte für "stur"

DBB-Chef Ulrich Silberbach sagte am Dienstag zu den Ergebnissen: "Wir schlittern in eine grundsätzliche Vertrauenskrise zwischen Staat und Bevölkerung." Dass mit der gestiegenen Unzufriedenheit auch das Ansehen der Beamten gelitten hat, findet Silberbach nur logisch. Die würden ja "stellvertretend für alle staatlichen Unzulänglichkeiten in Haftung genommen". In der Tat zeigt die Umfrage Rückgänge bei den positiven Eigenschaften, die Beamten zugeschrieben werden. Der Anteil der Bürger dagegen, die den Staatsdienern negative Eigenschaften attestieren, ist gestiegen - am deutlichsten beim Attribut "stur".

Befragt wurden die Bürger auch zum Standing einzelner Berufsgruppen, im und außerhalb des öffentlichen Dienstes. Der Beamte an sich genießt demnach nur noch bei 34 Prozent der Bürger ein hohes Ansehen; ein Jahr zuvor waren es noch drei Prozentpunkte mehr gewesen. Noch schlechter stehen mit 22 Prozent und minus zwei Prozentpunkten Politiker da. Journalisten kommen auf 41 Prozent, am Ende der Tabelle finden sich Versicherungsmakler mit acht Prozent. Spitzenreiter sind wie in den Vorjahren die Feuerwehrleute, von denen 94 Prozent der Bürger ein hohes Ansehen haben. Auf dem zweiten Platz landen mit 89 Prozent die Krankenpfleger, knapp vor den Ärzten (88 Prozent) und Altenpflegern (87 Prozent). Es folgen Polizisten, Erzieher und Müllwerker. Die größten Aufsteiger aber waren mit sieben Prozentpunkten mehr als im Vorjahr: die Soldaten.

Beste Schulnoten bekommen Müllabfuhr und Straßenreinigung, schlechte die Ministerien

Die Schulnoten der Befragten für die öffentlichen Institutionen aber unterscheiden sich teilweise vom Ansehen der Berufsgruppen. Die Schulen etwa kommen nur auf eine Drei, die Lehrer dagegen stehen bei 69 Prozent der Befragten hoch im Kurs. Die Top-Institutionen aus Sicht der Bürger sind Müllabfuhr und Straßenreinigung, gefolgt von Bibliotheken, Museen und Kindergärten. Schlusslichter sind die Bundesministerien. Die hatten zuletzt zwar gut zu tun mit all ihren Corona-Verordnungen - im Ansehen aber haben sie sich gegenüber dem Vorjahr trotzdem verschlechtert.

Was die Handlungsfähigkeit des Staates angeht, sind Ostdeutsche, Selbständige, Ältere und Menschen mit Hauptschulabschluss jeweils skeptischer als Westdeutsche, Angestellte, Jüngere und Akademiker. Befragt nach den verschiedenen Politikfeldern, zeigen sich Verschiebungen gegenüber dem Vorjahr: Während 2020 nur 16 Prozent der Befragten dem Staat in der Corona-Krise Überforderung attestierten, sind es inzwischen 20 Prozent. Ebenfalls 20 Prozent fällen dieses Urteil in Sachen Klimaschutz, im Vorjahr waren es nur zehn Prozent.

Wie immer vor einer Bundestagswahl hat der Beamtenbund auch dieses Mal die Parteipräferenz der Beschäftigten im öffentlichen Dienst abfragen lassen. Die jüngste Erhebung stammt aus dem August. Das Ergebnis: Obwohl die Grünen in der Renten- und Gesundheitspolitik eine Bürgerversicherung wollen, was ein Ende der sozialversicherungstechnischen Privilegien der Beamten bedeuten würde, lagen sie vor Union und SPD - bei den Beamten sogar deutlicher als bei den Angestellten. "Überraschend", fand das DBB-Chef Silberbach und erklärte es sich unter anderem mit dem "gesicherten beruflichen Umfeld" der Beamten. Da stehe dann die Zukunft der Kinder und Enkel im Zentrum. Und in der Tat ist der Umwelt- und Klimaschutz zwar das einzige Politikfeld, in dem die Beamten und Angestellten des Staates den Grünen mehr Kompetenz zusprechen als den anderen Parteien. Es ist aber laut Umfrage für sie auch eines der wichtigsten.

© SZ
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