Pharmakonzern Bayer wählt den harten Weg

  • Bayer will in den nächsten Jahren Tausende Arbeitsplätze weltweit streichen und mehrere Geschäftsfelder verkaufen.
  • Der Chemie- und Pharmakonzern muss zudem Milliarden abschreiben, weil mehrere Medikamente nicht so viel Geld einbringen wie erhofft.
Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Als der Bayer-Konzern seine Aktionäre im Juni zur Hauptversammlung lud, musste Vorstandschef Werner Baumann viel Kritik einstecken. Investoren fragten, ob er nicht unterschätzt habe, welch großes Risiko er mit der Übernahme von Monsanto eingegangen sei. Der US-Konzern hat einen miserablen Ruf, vor allem wegen seines Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat. Und dann war damals noch ein Banker, der eine ganz andere Frage stellte: Könnte es sein, dass Bayer "vor lauter Übernahme-Überschwang" das Brot- und Buttergeschäft vernachlässige? Der Vorstandschef antwortete: "Ich kann Sie beruhigen, dass wir das nicht tun."

Knapp ein halbes Jahr ist seither vergangen, Baumann hat die größte Übernahme der Konzerngeschichte durchgezogen und gegen alle Kritik verteidigt. Doch treten bei Bayer jetzt tatsächlich viele Probleme zutage, und Baumann möchte radikal gegensteuern. In den nächsten drei Jahren will der Traditionskonzern 12 000 Arbeitsplätze weltweit streichen und mehrere Geschäftsfelder verkaufen. Das haben die Leverkusener am Donnerstag mitgeteilt.

Bayer-Chef Werner Baumann wollte den US-Konzern Monsanto unbedingt übernehmen. Die Konsequenzen müssen jetzt die Mitarbeiter tragen.

(Foto: Oliver Berg/AFP)
Bayer

9300 Klagen wegen Glyphosat

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Ein Grund sind Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre. Bayer muss 3,3 Milliarden Euro abschreiben, weil mehrere Medikamente nicht so viel Geld einbringen wie erhofft. Der Konzern hatte die betroffenen Marken erst vor vier Jahren von der Konkurrenz eingekauft. Auch eine neue Fabrik für Medikamente gegen die Bluterkrankheit, die Bayer eigens in Wuppertal gebaut hat, will der Konzern nun doch nicht nutzen, weil sich der Wettbewerb verschärft habe. Alleine damit haben sich die Leverkusener um etwa 600 Millionen Euro verkalkuliert.

Ein anderes Problem ist, dass der Börsenwert von Bayer in diesem Jahr eingebrochen ist. Die Aktie kostet etwa 40 Prozent weniger als im Januar, womit auch Baumann "nicht glücklich" ist, wie er bekennt. Doch obwohl sich der Konzern nun weiter spezialisieren und die jährlichen Kosten um stattliche 2,6 Milliarden Euro drücken will, verliert er an der Börse am Donnerstag ein weiteres knappes Prozent an Wert.

Wie Bayer mitteilt, soll weltweit jede zehnte Stelle wegfallen, "ein signifikanter Teil davon in Deutschland". Allerdings wollen die Leverkusener hierzulande keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen, zumindest nicht in den nächsten sieben Jahren. "Mit den Maßnahmen, die wir jetzt angehen, schaffen wir die Voraussetzung, um die Performance und Ertragskraft von Bayer nachhaltig zu steigern", so Baumann. Er will, dass der Konzern künftig mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren kann. Gleichwohl wird der Stellenabbau zunächst etwa vier Milliarden Euro kosten, die vor allem für Abfindungen anfallen. Details dazu wolle man in den kommenden Monaten ausarbeiten.

Bayer ist in den vergangenen Jahren einem Trend gefolgt, den man bei vielen Industriekonzernen sehen kann. Die Leverkusener haben langgediente Sparten abgespalten und als eigenständige Firmen Lanxess und Covestro an die Börse gebracht. Der Konzern selbst fokussiert sich indes auf das sogenannte "Life-Science"-Geschäft: Er will mit seiner Agrochemie die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sichern - und mit seinen Medikamenten das Leben der Menschen verlängern, so die Hoffnung. In diesen Sparten wolle man weltweit führend sein, sagt Baumann.

Genau deshalb hat Bayer auch den Monsanto-Konzern übernommen, der Saatgut und Pflanzenschutzmittel verkauft. Doch haben sich die Leverkusener dafür nicht nur stark verschuldet. Sie sehen sich in den USA auch etwa 9300 Klägern gegenüber, die den Wirkstoff Glyphosat für krebserregend halten. Bayer verweist auf mehrere wissenschaftliche Studien, die diesen Zusammenhang negieren. Dennoch hat ein US-Gericht im Oktober überraschend ein Urteil gegen Monsanto bestätigt, in dem erstmals Glyphosat für die Krebserkrankung eines Klägers verantwortlich gemacht wurde. Bayer rechnet damit, dass sich die gesamten Rechtsstreitigkeiten rund um Glyphosat weit über das Jahr 2021 hinaus ziehen werden.

Muss der Konzern deshalb jetzt an anderer Stelle sparen? Baumann weist das zurück: "Die heutigen Entscheidungen sind keine Reaktionen auf die kürzlich vollzogene Übernahme", sagt der Vorstandschef, "und erst recht nicht auf die Glyphosat-Klagen in den USA." Der Konzern plant nun einige Milliarden Euro einzunehmen, indem er sich etwa von seinem Geschäft mit der Tiermedizin trennt. Dieser Markt sei zwar grundsätzlich attraktiv, teilt Bayer mit, man wolle aber lieber in seine Kerngeschäfte investieren.

Zudem wollen die Leverkusener ihre Beteiligung an der Firma Currenta verkaufen. Sie ist ein Dienstleister an den großen Fabrikstandorten des Konzerns und seiner abgespaltenen Tochterfirmen. Auch von ihrem Geschäft mit Sonnenschutz und Fußpflege will sich Bayer nun verabschieden. Stattdessen hat der Konzern vor, in seiner Pharmasparte mehr Innovationen von außen einzukaufen. Schließlich laufen in dem Geschäft die Patente für wichtige, rezeptpflichtige Eigenentwicklungen in den nächsten Jahren aus.

Der Aufsichtsrat habe all dem einstimmig zugestimmt, betont der Konzern. "Die geplanten Maßnahmen bei Bayer sind ein gravierender Einschnitt für die Kolleginnen und Kollegen", sagt Oliver Zühlke, Chef des Gesamtbetriebsrates. Am wichtigsten sei es aber, die Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern.

Landwirtschaft Ein Makel, der bleibt

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