Bayer-Monsanto-Übernahme Zehn Milliarden an einem Tag verloren

Nachdem ein US-Gericht Monsanto zu 250 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt hat, bricht die Bayer-Aktie ein. Investoren befürchten weitere Klagen. Das rückt die Übernahme in schlechtes Licht.

Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Werner Baumann kann wahrlich nicht behaupten, dass ihn niemand gewarnt hätte. Schon bei der Hauptversammlung im Mai musste sich der Bayer-Chef Unkenrufe anhören, wie zweifelhaft das Geschäft dieser Firma Monsanto sei, die Bayer mittlerweile für mehr als 50 Milliarden Euro übernommen hat. "Wir sind uns sehr bewusst, dass der Ruf von Monsanto in einigen Ländern sehr unter Druck steht", sagte Baumann zwar. Doch sei er überzeugt, dass das Saatgut und die Pflanzenschutzmittel von Monsanto sicher seien. Mit der Übernahme verbessere der Bayer-Konzern sein Risikoprofil, sagte Baumann sogar.

Spätestens seit diesem Montag sieht das ganz anders aus. Nach einem überraschenden Urteil in den USA muss Monsanto einem krebskranken Mann gut 250 Millionen Euro Schadenersatz zahlen. Der Richterspruch wurde am Wochenende bekannt und ließ die Bayer-Aktie am Montag zeitweise um 13 Prozent einbrechen. Der Kurs sank auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren. Mithin hat Bayer zu Wochenbeginn fast zehn Milliarden Euro seines Börsenwertes eingebüßt.

Der Prozess in Kalifornien befasste sich erstmals mit der Frage, ob das Pflanzenschutzmittel Glyphosat Krebs erregen kann. Der Kläger führt seinen Lymphdrüsentumor darauf zurück, dass er bis zu 30 Mal jährlich das Monsanto-Produkt "Round Up" eingesetzt habe. Die Firma habe den Geschädigten, der als Schädlingsbekämpfer arbeitet, nicht ausreichend vor den Gefahren ihres Unkrautbekämpfungsmittels gewarnt, urteilte das Gericht. Monsanto sieht sich bereits jetzt gut 5000 ähnlichen Klagen in den USA gegenüber.

Investoren fürchten nun, dass weitere Klagen und ähnliche Urteile folgen könnten. Zudem könnte der Umsatz von Monsanto zurückgehen, falls Landwirte fortan weniger Produkte wie "Round Up" kaufen sollten. Die britische Handelskette Homebase etwa prüft bereits, ob sie künftig überhaupt noch Pflanzenschutzmittel auf Glyphosatbasis verkaufen soll.

Das Urteil aus den USA rückt die Monsanto-Übernahme in kein gutes Licht

Das Urteil aus Kalifornien rücke die Monsanto-Übernahme "auch vom Zeitpunkt her in kein gutes Licht", schreiben die Analysten der Großbank HSBC. Monsanto dürfte nur 250 Millionen US-Dollar an Prozessrücklagen gebildet haben, schätzen die Analysten der Commerzbank. Auch entsprechende Rücklagen von Bayer, zuletzt knapp 400 Millionen Euro, seien wohl für andere Zwecke vorgesehen gewesen.

Monsanto will indes Berufung gegen das Urteil einlegen. Man sei überzeugt, dass Glyphosat nicht für die Erkrankung des Klägers verantwortlich sei, teilt Bayer mit. Die Konzerne verweisen auf Studien, wonach die Chemikalie für Menschen unbedenklich sei. Auch die US-Umweltschutzbehörde hat Glyphosat als wahrscheinlich nicht krebserregend eingestuft. Die Weltgesundheitsorganisation kam hingegen zu dem Ergebnis, dass das Unkrautvernichtungsmittel "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" sei.

In Deutschland will die Bundesregierung nun den Gebrauch von Glyphosat in privaten Gärten weitgehend verbieten - und Landwirten strengere Vorgaben machen. Auch erste Winzer verzichten bereits freiwillig auf Produkte wie "Round Up". Die große Koalition in Berlin sorgt sich nach eigenen Angaben darum, dass eine Massenanwendung von Glyphosat die Artenvielfalt auf den Feldern beeinträchtige. Dieser Zusammenhang sei - im Gegensatz zur Krebsgefahr - wissenschaftlich klar belegt.

Die Europäische Union hat die Zulassung von Glyphosat zwar erst im vergangenen Winter für weitere fünf Jahre verlängert. Die Mitgliedstaaten hätten es aber selbst in der Hand, Lizenzen für die Nutzung zu erteilen, betont die Europäische Kommission.