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Klagewelle:Glyphosat-Klagewelle setzt Bayer stark unter Druck

Bayer

Ein Logo hängt vor dem Werk des Bayer-Konzerns.

(Foto: picture alliance/dpa)
  • Die Zahl derjenigen, die gegen die Bayer-Tochter Monsanto klagen, steigt von Monat zu Monat.
  • Bayer strebt einen Vergleich an, der weitere Klagen ausschließt.
  • Seit der Monsanto-Übernahme hat Bayer an der Börse 30 Prozent an Wert verloren.

Der Werbespot beginnt mit roten Großbuchstaben. "Attention" steht dort geschrieben: Achtung, alle Nutzer von Roundup. Denn dieser Unkraut-Vernichter mit Wirkstoff Glyphosat "kann verbunden sein mit Krebs", heißt es vage in der Reklame einer US-Anwaltskanzlei. Im Hintergrund sind Löwenzahn und eine Sprühflasche zu sehen, dann eine Szene aus dem Operationssaal. Wer an Lymphdrüsenkrebs leide, solle jetzt anrufen. "Möglicherweise haben Sie Anspruch auf einen finanziellen Vergleich."

In den USA laufe derlei Werbung "permanent in allen Kanälen", sagt Werner Baumann. Dem Bayer-Chef verheißt das nichts Gutes. Der Streit um Glyphosat wird für den Konzern zum immer größeren Risiko: Bis Mitte Oktober haben etwa 42 700 Menschen in den USA gegen seine Tochterfirma Monsanto geklagt, den Entwickler des Unkrautbekämpfungsmittels. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Juli, als Bayer noch 18 000 Klagen zählte. Baumann führt die neuerliche Klagewelle darauf zurück, dass US-Kanzleien alleine von Juli bis September "mehr als 50 Millionen US-Dollar" für Fernsehwerbung ausgegeben hätten. "Das ist etwa doppelt so viel wie in der gesamten ersten Hälfte dieses Jahres." Bayer ist hin- und hergerissen: Auf der einen Seite wolle man sich "entschieden verteidigen", bezeichnet Glyphosat weiter als sicher. Auf der anderen Seite winkt die Chance, den Rechtsstreit ein für allemal aus der Welt zu schaffen - mit Vergleichszahlungen, die angesichts der vielen Kläger insgesamt in die Milliarden gehen dürften.

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Seit Frühjahr sondieren die Anwälte des Konzerns und der Kläger, ob sie sich außergerichtlich einigen könnten. Der kalifornische Bundesrichter Vince Chhabria, bei dem viele Verfahren anhängig sind, hat diese Mediation angeordnet. Bayer beteilige sich "konstruktiv und lösungsorientiert", sagt Baumann. Über Zeitplan und Inhalt schweigt der 57-Jährige, stellt aber Bedingungen: "Zum einen muss es wirtschaftlich akzeptabel sein." Zum anderen bräuchte sein Konzern "weitestgehende Sicherheit", dass ein Vergleich auch künftige Klagen ausschlösse.

Doch die Vorzeichen für die Leverkusener stehen schlecht: Bislang haben sie alle drei Verfahren in erster Instanz verloren - und sollen jeweils 70 bis 80 Millionen Euro Schadenersatz an die krebskranken Kläger zahlen. Bayer hat jeweils Rechtsmittel eingelegt; das erste Berufungsverfahren werde wahrscheinlich Anfang 2020 beginnen, sagt Baumann. Alle anderen Prozesse, die ursprünglich noch für 2019 angesetzt waren, seien verschoben worden: Alles wartet auf einen möglichen Vergleich. Für den Vorstandschef und seine 104 000 Beschäftigten steht viel auf dem Spiel: Der Konzern hat sich in den vergangenen Jahren ganz auf das weltweite Geschäft mit Medikamenten und Agrochemie konzentriert - und andere Sparten abgespalten. Die gut 55 Milliarden Euro schwere Übernahme des Glyphosat- und Gentechnikkonzerns Monsanto war der teuerste Zukauf, den ein Unternehmen aus Deutschland je im Ausland gewagt hat.

Schon heute zählt Bayer weltweit 3200 Beschäftigte weniger als zu Jahresbeginn

Zwar laufen die Geschäfte nun ganz ordentlich: So hat die Agrochemie-Sparte im vergangenen Quartal mehr Geld verdient als im Vorjahreszeitraum - auch wenn das Wachstum ausschließlich aus Nord- und Lateinamerika kam. Auch der Umsatz mit Medikamenten ist binnen Jahresfrist gestiegen. Dennoch hat Bayer seit der Monsanto-Übernahme an der Börse gut 30 Prozent an Wert verloren. Viele Investoren kritisieren, dass der Vorstand um Baumann die Risiken unterschätzt habe, und verweigerten ihm in der jüngsten Hauptversammlung die symbolische Entlastung. Das hatte es bei einem Dax-Konzern zuvor noch nie gegeben.

Um die vielen Schulden nach der Übernahme wenigstens zum Teil zurückzuzahlen, hat Bayer Randgeschäfte verkauft, kürzlich etwa seine Sonnencreme-Marke Coppertone. Und bereits Ende 2018 hatte der Konzern angekündigt, dass er in den nächsten Jahren 12 000 Stellen abbauen will, davon 4500 in Deutschland. Betriebsbedingte Kündigungen schließt er hierzulande aus; ältere Beschäftigte können vorzeitig in Rente gehen, andere erhalten Abfindungen. Schon heute zähle Bayer weltweit 3200 Beschäftigte weniger als zu Jahresbeginn, sagt Baumann. Dieser Umbau kostet zwar zunächst Hunderte Millionen Euro, soll dem Konzern aber langfristig höhere Gewinne bescheren.

Und solange Bayer in Sachen Glyphosat keinen Vergleich schließt, kostet auch der tausendfache Rechtsstreit jede Menge Geld: Alleine im vergangenen Quartal hat der Konzern nach eigenen Angaben 104 Millionen Euro für Rechtsfälle ausgegeben. Dabei stehen - Stand jetzt - noch Tausende Fälle vor der Tür.

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