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Bayer:Makel Glyphosat

Die Prozesse um das Herbizid überschatten die operativen Erfolge des Agrochemie- und Pharmakonzerns.

Die Zahl steigt, aber nicht mehr so schnell. Bis zum 6. Februar wurden in den USA etwa 48 600 Klagen wegen des Unkrautvernichters Glyphosat gegen die Bayer-Tochter Monsanto eingereicht, gab der deutsche Pharma- und Agrochemiekonzern am Donnerstag in Leverkusen bekannt. Bis Mitte Oktober waren es 42 700 gewesen. In seiner Rede lobt Vorstandschef Werner Baumann erst einmal sich selbst und ein nicht näher definiertes "Wir" für das Jahr 2019, ehe er auf die Prozesse zu sprechen kommt. Glyphosat "war und ist bei sachgerechter Anwendung sicher", sagt er. Es ist sein Mantra von Anfang an. Er verweist auf die US-Umweltschutzbehörde EPA, die im Januar "erneut" das Ergebnis eines Bewertungsverfahrens veröffentlicht hat, demzufolge "keinerlei Gesundheitsrisiken für den Menschen durch die Exposition gegenüber Glyphosat" festgestellt werden könnten.

Seit Monaten laufen in den USA unter Führung von Schlichter Kenneth Feinberg Verhandlungen zur Beilegung von einigen Tausend Klagen. Zum Inhalt will sich Baumann auch auf Fragen nicht äußern, auch nicht zum Zeitplan. "Wenn wir uns dem Diktat einer bestimmten Fristensetzung unterwerfen würden, würden wir allerhöchster Wahrscheinlichkeit nach nicht unbedingt das beste Ergebnis für unser Unternehmen und unsere Aktionäre erreichen", so Baumann. "Wir werden so lange verhandeln, bis wir ein für uns zufriedenstellendes Ergebnis im Rahmen der Mediation erreicht haben. Es gibt keine Zeitvorgaben. " Bayer hat Rückstellungen für Verteidigungskosten gebildet, aber nicht für die Kosten eines möglichen Vergleichs. Dies sei nur nötig, wenn "eine erhebliche Wahrscheinlichkeit und Schätzbarkeit" gegeben sei, sagte Finanzvorstand Wolfgang Nickl. Dies sei nicht der Fall. Über die Höhe des Vergleichs wird seit Wochen spekuliert, in Medienberichten war zuletzt von zehn bis zwölf Milliarden Dollar die Rede.

Bayer AG Chief Executive Officer Werner Baumann Presents Full Year Earnings Figures

Bayer-Chef Werner Baumann bei der Vorlage des Geschäftsberichts.

(Foto: Geert Vanden Wijngaert/Bloomberg)

In einigen Märkten habe sich die Klagewelle und deren "mediale Aufmerksamkeit" auf die Reputation und das Image von Bayer ausgewirkt, sagte Baumann. In Deutschland und Frankreich habe es "nicht unerhebliche Effekte" gegeben. In China hätten sich Image und Reputation verbessert. In einer Reihe von Märkten, darunter den USA, seien die Werte eher stabil. Die Klagewelle sei ein Produkt des US-Rechtssystems und habe nichts mit der Sicherheit von Glyphosat zu tun.

Baumann plant weiter mit Glyphosat. Mitte Dezember hat Bayer im Auftrag der Glyphosate Renewal Group, eines Zusammenschlusses von Herstellern, die Wiederzulassung von Glyphosat beantragt. Sie muss nach EU-Recht drei Jahre vor dem Ende der bestehenden Genehmigung beantragt werden. "Nach wissenschaftlichen Kriterien muss es ganz klar eine Wiederzulassung geben", sagte Liam Condon, der im Bayer-Vorstand für das Agrargeschäft zuständig ist. Im vergangenen Jahr habe Bayer mit Herbiziden insgesamt circa fünf Milliarden Euro umgesetzt, davon entfalle etwas mehr als die Hälfte auf Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat und davon wiederum zehn Prozent auf Europa.

Operativ hat Bayer, wie es Baumann ausdrückt, "geliefert". Die im Oktober gesetzten Ziele seien erreicht worden. Der Umsatz stieg um 18,5 Prozent auf 43,5 Milliarden Euro. Bereinigt um zahlreiche Veränderungen im Portfolio und Währungseffekte - so floss zum Beispiel Monsanto zum ersten Mal mit einem ganzen Jahr in die Rechnung ein -, waren es 3,5 Prozent. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen legte um gut 28 Prozent auf 11,5 Milliarden Euro zu, unbereinigt lag es mit 9,6 Milliarden Euro 1,5 Prozent unter dem Vorjahreswert. Zu bereinigen gab es einiges. So musste Bayer gut eine halbe Milliarde Euro auf eine Produktionsanlage für das Herbzid Dicamba in den USA abschreiben, weil die Nachfrage zu gering ist. Auch der Wert der inzwischen verkauften Marke Dr. Scholl's war zu hoch angesetzt.

Für 2020 rechnet Bayer mit einem Umsatz von 44 bis 45 Milliarden Euro und einem bereinigten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 12,3 bis 12,6 Milliarden Euro. Darin nicht enthalten sind die Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs. "Eine gewisse Abhängigkeit" von Vorprodukten, die aus China kämen, gebe es, sagte der für das Pharmageschäft zuständige Vorstand Stefan Oelrich.

Die Übernahme von Monsanto hat noch ein Nachspiel. Der Due-Diligence-Prozess bei Bayer, also die sorgfältige Prüfung und Analyse von Unternehmen im Vorfeld von Übernahmen und Fusionen, soll begutachtet werden. Mit dem Aktionär Christian Strenger, Experte für gute Unternehmensführung und ehemaliger Chef der Fondsgesellschaft DWS, habe sich Bayer auf eine freiwillige Sonderprüfung geeinigt, teilte der Konzern mit. Der Bericht von Hans-Joachim Böcking, er lehrt an der Goethe-Universität Frankfurt, werde bis Ende März veröffentlicht.

© SZ vom 28.02.2020
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