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Bayer:Knapp 40 000 Klagen

Nicht nur Glyphosat bereitet dem Pharma- und Agrarkonzern Ärger. Tausende Frauen sehen ihre Gesundheit durch die Verhütungsspirale Essure geschädigt. Konzernchef Baumann gibt sich dennoch entspannt.

Seinen Humor hat Werner Baumann, Chef des Pharma- und Agrar-Konzerns Bayer, noch nicht verloren. Vielleicht ist er in den vergangenen Monaten sogar noch trockener geworden. "Ich bin froh, dass wir Liam Condon einen Herzenswunsch erfüllen konnten, hier mit den besten seiner Freunde und Freundinnen seinen Geburtstag zu begehen. Was kann man sich Schöneres vorstellen", sagt Baumann zum Auftakt der Bilanzpressekonferenz am Mittwoch in Leverkusen.

Bilanzpressekonferenzen sind nicht dazu da, die Herzenswünsche von Managern zu erfüllen. Es gibt viele unangenehme Fragen. Baumann hat echte Herzenswünsche, einer davon ging vergangenes Jahr in Erfüllung. Nach der Übernahme des US-Konzerns Monsanto für 63 Milliarden Dollar sieht sich das Dax-Unternehmen als weltweit führender Agrochemie-Konzern.

Liam Condon ist am Mittwoch 51 Jahre alt geworden. Er ist im Vorstand für die Division Crop Science verantwortet. Das ist jene Sparte, zu der auch Monsanto gehört. Condon lacht über die seltsamen Glückwünsche seines Kollegen. "Spaß beiseite", sagt Baumann. 2018 war nicht so spaßig.

Im August sprach ein Geschworenengericht in den USA dem Hausmeister Dewayne Johnson, der Glyphosat als Auslöser für sein Krebsleiden sieht, 290 Millionen Dollar zu. Der Aktienkurs von Bayer stürzte ab und hat sich seither kaum erholt. Da half auch nicht, dass das Gericht die Summe später auf 78 Millionen Dollar kürzte. Der Aktienkurs spiegele nicht den "inneren Wert" von Bayer wider, sagt Baumann.

Für Rechtsstreitigkeiten hat das Unternehmen 1,4 Milliarden Euro beiseite gelegt

In dieser Woche begann in den USA der zweite Prozess, auch Edwin Hardeman schreibt sein Krebsleiden Glyphosat zu. Die Zahl der Klagen ist in den vergangenen Monaten noch einmal kräftig gestiegen. Bis Ende Januar 2019 wurden Monsanto allein in den USA etwa 11 200 zugestellt, gab Bayer am Mittwoch bekannt. Per Ende Oktober hatte der Konzern die Zahl auf rund 9300 beziffert. Baumann rechnet mit weiteren Klagen. Gegen das Urteil im Fall Johnson hat Bayer Berufung eingelegt. "Wir werden uns auch in allen weiteren Verfahren entschieden zur Wehr setzen", sagt Baumann. Die Zahl der Klagen sei kein Indiz für die mögliche Belastung.

In der Bilanz 2018 hat Bayer keine Vorsorge für Strafzahlungen getroffen, aber Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten in den nächsten drei Jahren. Sie sind insgesamt laut Geschäftsbericht gestiegen - von knapp 400 Millionen Euro Ende 2017 auf insgesamt 1,4 Milliarden Euro Ende 2018. Knapp 600 Millionen Euro seien akquisitionsbedingt, hängen also mit Monsanto zusammen. Es gibt noch mehr Klagen, etwa 29 400 "Anwenderinnen" der Verhütungsspirale Essure haben Bayer wegen Gesundheitsschäden verklagt, etwa Blutungen, Schmerzen oder Depressionen. "Auch hier werden wir uns verteidigen", sagt Baumann. Die reine Zahl sei mit Vorsicht zu genießen. Die bilanzielle Vorsorge für Ansprüche zu Essure übersteigt laut Geschäftsbericht allerdings den bestehenden Versicherungsschutz. Zur absoluten Höhe will sich Baumann nicht äußern. "Das würde dem Unternehmen nicht helfen, wohl aber den Klägeranwälten." Sie könnten aus der Höhe der Rückstellungen auf möglichen Schadenersatz schließen.

Die Glyphosat-Verfahren werden sich über Jahre hinziehen. Schon das Berufungsverfahren im Fall Johnson könne sich bis in das nächste Jahr hineinziehen, und "dann sind wir erst in der zweiten Instanz im ersten Fall", so Baumann. Wegen der Größe des Rechtskomplexes müsse erst einmal eine Anzahl von Fällen durchprozessiert werden, um die Richtung abzuschätzen. "Wir sind, was unsere Perspektive angeht, kristallklar. Glyphosat ist ein sicheres Produkt", sagt Baumann und verweist wie seit Monaten auf die Hunderten von Studien, die das seiner Ansicht nach belegen. Alle Primärstudien für Zulassungszwecke seien zu dem Ergebnis gekommen, dass Glyphosat bei bestimmungsgemäßer Anwendung ein "insgesamt sehr sicheres und gutes Produkt ist und es keinerlei Hinweis auf ein mögliches Krebsrisiko gibt", behauptet der Bayer-Vorstandschef.

Eine Richtung könnte das Urteil im Fall Hardeman weisen. Es ist ein "Bellwether-Verfahren, ein Leit-Verfahren. Der zuständige Richter Vince Chhabria hat den Prozess aufgeteilt. In der ersten Phase sollen die Geschworenen die Glaubwürdigkeit der Studien über Glyphosat prüfen und ob das der Wirkstoff Hardemans Leiden ausgelöst hat. Erst wenn die Jury dies bejaht, wird im zweiten Schritt um den Vorwurf, Monsanto habe Zulassungsbehörden und Wissenschaftler beeinflusst und fahrlässig gehandelt. Der Prozess von Dewayne Johnsen war "emotional aufgeladen und damit von Anfang an verloren", sagt Condon am Rande der Bilanzpressekonferenz. Condon war nicht im Gerichtssaal in San Francisco. Er hat sich auf Youtube ein paar Videos angeschaut. "Das war ganz großes Kino, das war Hollywood", sagt Condon.

Die Integration von Monsanto sei hervorragend gestartet, sagt Baumann. Und sie zeigt deutliche Spuren im Geschäftsjahr 2018. Zwar konnte Bayer den Umsatz steigern, um 13 Prozent auf knapp 40 Milliarden Euro. Monsanto floss mit fast sieben Monaten in die Rechnung ein. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern fiel aber um 33,7 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro.

Schon Ende November hatte Baumann Maßnahmen angekündigt, damit Bayer "fokussierter, schlagkräftiger, agiler und wettbewerbsfähiger" wird. So will sich der Konzern von Geschäft mit Produkten für Tiergesundheit trennen und einigen freiverkäuflichen Produkten, darunter das Fußpflegesortiment unter der Marke Dr. Scholl's. Konzernweit sollen 12 000 Stellen wegfallen. Ende 2018 lag die Zahl der Beschäftigten bei knapp 117 000.

Die Kursschwäche haben wohl Investoren genutzt. Im Dezember hatten die Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters gemeldet, dass der US-Milliardär Paul Singer über seinen Fonds Elliott den Dax-Konzern zu einer Aufspaltung des Konzerns zur Aufspaltung in die Bereiche Pharma und Agrarchemie dränge. "Bayer beobachte das Feld", antwortete Baumann. Zu bestimmten Fonds, die bei Bayer investiert seien, wolle er sich nicht konkret äußern. Seine erste Antwort auf eine entsprechende Frage fiel weitaus lapidarer aus. "Elliott ist der Freund meiner Tochter. Mit dem habe ich neulich noch gesprochen, mehr gibt es dazu nicht zu vermelden." Man muss Baumanns Humor nicht immer verstehen.

© SZ vom 28.02.2019
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