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Bayer-Hauptversammlung:Manager und ihre Kritiker - Parallelwelten wie nie zuvor

Hauptversammlung in Corona-Zeiten: Bayer-Chef Werner Baumann.

(Foto: AFP)

Bayer veranstaltet die erste virtuelle Hauptversammlung eines Dax-Konzerns. Vieles ist anders als sonst, doch es gibt eine Konstante: die Proteste.

Sie könnten jetzt überall sein in Leverkursen, im Büro von Vorstandschef Werner Baumann etwa oder im Konzern-Kasino in Leverkusen. Die Bayer-Führungsriege hat sich für das eigene Kommunikationszentrum entschieden. Für die Hauptversammlung braucht es in diesem Jahr keine Kongresshalle. Aufgrund der Corona-Pandemie findet sie nur virtuell statt - in kleinem Kreis und ohne Aktionäre. Sie können - genau wie andere Interessierte - lediglich per Online-Übertragung zuschauen: 2100 Teilnehmer sind dem Unternehmen zufolge bei Beginn bereits zugeschaltet.

Es ist die erste virtuelle Hauptversammlung eines Dax-Konzerns überhaupt. Die Bilder und den Betrachtungswinkel bestimmt der Konzern. Zu sehen sind in der Totalen Bayer-Vorstandschef Baumann und Finanzchef Wolfgang Nickel, die Aufsichtsräte Werner Wenning, Oliver Zühlke und Norbert Winkeljohann sowie der Notar. Sie sitzen mit gebürtigem Abstand zueinander hinter weißen Pulten. Die anderen Vorstände sind zugeschaltet, die Aufsichtsratskandidaten werden nach Bedarf eingeblendet.

Vieles ist in diesem Jahr anders - anderes ist wie immer. Seit Jahren protestieren Bauern, Imker, Umweltschützer, Ärzte, Vertreter von Kirchen und andere Menschen, die sich um Menschen, Tiere, Artenvielfalt und das Klima sorgen, gegen den Konzern. Sie standen draußen vor der sonst üblichen Kongresshalle in Bonn mit ihren Traktoren und Protestplakaten, während im Saal die Manager und Aktionäre saßen. Ein Drinnen und Draußen gab es immer, aber es gab auch Kontaktflächen. Kritiker wie etwa der Imker Christoph Koch protestierten früher erst vor dem Kongresszentrum und sprachen dann im Saal. Viele von ihnen haben sich nur deshalb Papiere des Konzerns gekauft, um dort sprechen und Fragen stellen zu dürfen.

In diesem Jahr müssen Koch und die anderen Kritiker zu Hause bleiben. Am Firmensitz in Leverkusen hat sich an diesem Dienstag nur eine kleine Gruppe versammelt. Im Netz aber hat der koordinierte Protest schon früh angefangen, bereits vor Beginn der Hauptversammlung: Es werden Lieder und Texte vorgetragen, mal geht es um den Einfluss der Lobbyisten, mal um Glyphosat. Bayer-Chef Baumann und seine Vorstandskollegen bekommen davon nichts mit. Die Manager und die Kritiker - es sind wie nie zuvor zwei parallele Welten.

Baumann ist gerne der Erste und Schnellste

Drüben in der Manager-Welt eröffnet Aufsichtsratschef Werner Wenning um zehn Uhr morgens die Hauptversammlung. Es ist die letzte für ihn, in seiner Rede wirkt er bisweilen wehmütig. Bevor er das Wort an Vorstandschef Baumann übergeben darf, muss er warten. Eine Frau, die eine Mund-Nasen-Maske trägt, reinigt erst die Ablagefläche des Rednerpultes, dann tauscht sie die Schutzkappen der Mikrofone und das Wasserglas aus.

Dann tritt Baumann ans Pult. Es sei eine ganz besondere Situation. "Einerseits sind wir damit digitaler Pionier, anderseits fehlt uns der direkte Austausch mit Ihnen", sagt er an die Aktionäre gerichtet und schaut dabei direkt in die Kamera. Baumann ist gerne der Erste und Schnellste. Kaum war das Gesetz zur Abmilderung der Covid-19-Pandemie am 27. März im Bundesgesetzblatt veröffentlicht, preschte Bayer vor. Noch am selben Tag kündigte der Konzern an, die Hauptversammlung werde wie geplant am 28. April stattfinden, bloß virtuell.

"Die vergangenen zwei Monaten zählen zu den größten Herausforderungen unseres Berufslebens", sagt Vorstandschef Baumann. Er lobt die Mitarbeiter, die sich für die Firma einsetzen. Dann spricht er über die Medikament- und Material-Spenden, die Bayer in den vergangenen Monaten geleistet habe. "Natürlich führen wir unsere Geschäfte, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Wir sind aber auch ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft", sagt Baumann. Mittlerweile habe Bayer "große Mengen Chloroquin" gespendet. Es gebe erste Hinweise, dass das Medikament bei der Behandlung von Covid-19 helfen könnte. Sollte sein Nutzen wissenschaftlich bestätigt werden, "würden wir das Mittel ausschließlich für das Gemeinwohl produzieren und kostenlos an Regierungen abgeben", sagt Baumann.

Viele Fragen drehen sich um die laufende Mediation in den USA

Dann sind die Fragen der Aktionäre und Investoren dran. Bis Samstag um Mitternacht hatten sie Zeit, diese einzuschicken. 245 Fragen von 40 Anteilseignern sind zusammengekommen, weniger als im Vorjahr. Baumann liest sie vor und beantwortet zusammen mit Finanzchef Nickl und den Aufsichtsräten Wenning und Winkeljohann. Viele Fragen drehen sich um die laufende Mediation in den USA, um Tausende Klagen wegen des Pestizids Glyphosat beizulegen. "Wir beteiligen uns konstruktiv am laufenden Mediationsverfahren. Eine Lösung muss für uns wirtschaftlich sinnvoll und so strukturiert sein, dass zukünftige Fälle effizient zu einem Abschluss gebracht werden", so Baumann.

Es gibt also durchaus viele Fragen - aber niemand trägt vor, was die Aktionäre in der Generaldebatte in einer Präsenzveranstaltung vorgetragen hätten. Die Übernahme von Monsanto habe zu einer "gigantischen Wertvernichtung geführt, die Bayer massiv geschwächt habe", schreibt etwa Ingo Speich von Deka Investment in einer schriftlichen Stellungnahme zur Hauptversammlung. "Die Bayer-Aktie war einmal ein Stabilitätsgarant in Krisenzeiten - das ist nun Geschichte."

Baumann sieht das anders. Gerade in der in dieser Krise zeige sich, "wie relevant unsere Geschäfte sind." Gesundheit und Ernährung seien "systemrelevant". Das Wort scheint die Wirtschaft gerade in Nützlinge und Schädlinge zu teilen. In der Vergangenheit habe man manchmal den Eindruck gehabt, dass Fakten nur akzeptiert würden, wenn sie zum eigenen Weltbild passten. "Jetzt werden Wissenschaftler wieder gehört." Der Kampf gegen das Coronavirus sei längst nicht vorbei. Und Baumann lässt keinen Zweifel daran, dass Bayer am Ende zu den Siegern gehören wird.

© SZ.de/vit
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