Glyphosat:Gericht senkt Rekordstrafe für Bayer drastisch

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In einem Geschäft in den USA stehen mit dem Unkrautvernichter Roundup, der den Wirkstoff Glyphosat enthält. (Foto: dpa)

2,25 Milliarden Dollar Strafe waren es ursprünglich, nun sind es nur noch 400 Millionen. Der Konzern will dennoch in Berufung gehen und beklagt „gravierende Fehler“ im Glyphosat-Verfahren.

Von Elisabeth Dostert

Erneut hat ein US-Gericht in einem Verfahren um das Pestizid Glyphosat die Strafe für Bayer deutlich gesenkt. Im Januar hatte ein Geschworenengericht in Pennsylvania John McKivison insgesamt die Rekordstrafe von 2,25 Milliarden Dollar zugesprochen. Der Mann, nach Medienberichten ein Platzwart, schreibt Glyphosat seine Krebserkrankung zu. Die Strafe setzte sich wie in allen Fällen aus zwei Komponenten zusammen: 250 Millionen Dollar Schadenersatz für gesundheitliche und finanzielle Schäden des Klägers und zwei Milliarden Dollar als Strafschadenersatz, um das Verhalten des Konzerns zu ahnden. Eine Richterin in Pennsylvania kürzte am Dienstag die Gesamtstrafe auf 400 Millionen Dollar – also um gut 80 Prozent.

Bayer will gegen die Entscheidung dennoch in Berufung gehen. „Wir sind mit der Entscheidung des Gerichts in der Sache nicht einverstanden“, schreibt der Konzern in einer Stellungnahme. Das Verfahren sei von „gravierenden Fehlern“ geprägt gewesen, „die korrigiert werden können und müssen“. Bayer weiter: „Die Jury wurde getäuscht und aufgehetzt, was auch die verfassungswidrig überhöhten Schadensersatzbeträge erklärt.“ Auch die Anwälte des Klägers wollen nach Agenturberichten in Berufung gehen.

Es ist nicht der erste Fall, in dem die Strafe später drastisch gekürzt wird. Eine Senkung der Strafe war auch in diesem Fall erwartet worden, da der Strafschadenersatz die Vorgaben des Obersten Gerichtshofs überstieg. Das Verhältnis von Strafschadenersatz zu Schadenersatz darf einen bestimmten Faktor nicht überschreiten. Die US-Kanzlei O’Dwyer & Bernstein verweist in ihrem Internet-Blog auf Fälle, wonach ein Verhältnis von vier zu eins als ausreichend gelte, ein Verhältnis von zehn zu eins und mehr mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen die Verfassung verstoße. In ihrer Entscheidung gab Richterin Susan Schulman Berichten zufolge einigen Einsprüchen von Bayer statt und senkte den Schadenersatz auf 50 und den Strafschadenersatz auf 350 Millionen Dollar.

Den juristischen Ärger hatte sich der Konzern aus Leverkusen im Jahr 2018 mit dem Kauf von Monsanto für etwa 63 Milliarden Dollar eingehandelt. 2020 hatte sich der Konzern auf einen Vergleich von bis zu 9,6 Milliarden Dollar geeinigt und damit die meisten der damals anhängigen Fälle beigelegt. Für künftige Fälle gab es keine Einigung. Dem Geschäftsbericht 2023 zufolge konnte der Konzern bis Ende Januar 2024 in einer beträchtlichen Zahl von Ansprüchen Vergleiche erzielen. Von insgesamt 167 000 angemeldeten Ansprüchen seien 113 000 verglichen worden oder sie erfüllen nicht die Vergleichskriterien. Damit sind noch etwa 54 000 Ansprüche offen.

Bayer will, dass das Urteil komplett revidiert wird

Bill Anderson, seit einem Jahr Vorstandschef, wird nicht müde zu betonen, dass Glyphosat, der Wirkstoff in Mitteln wie Roundup, sicher sei. Der Aktienkurs reagierte am Dienstag mit leichten Aufschlägen auf die Entscheidung in den USA. Die Aktie schloss 0,92 Prozent im Plus bei 28,60 Euro. „Aber die Schäden für Bayer sind immer noch zu hoch, um sich zu entspannen“, so ein Aktienhändler.

Final rechtskräftig sind nach Angaben eines Bayer-Sprechers bislang sechs Urteile. Drei habe der Konzern gewonnen, drei verloren. Bei den verlorenen handelt es sich um die Fälle Johnson, Hardeman und Pilliod. Auch da war das ursprünglich von den Geschworenen verhängte Strafmaß deutlich gekürzt worden, Bayer zufolge durchschnittlich um mehr als 90 Prozent. Im aktuellen Fall sind „wir ja noch nicht am Ende.“ Bayer will, dass das Urteil komplett revidiert wird.

Die „absurd hohen Summen“ zeigten dem Sprecher zufolge, wie notwendig eine Gesetzesreform sei, die klarstelle, dass die Einhaltung der nach US-Bundesrecht vorgeschriebenen Produktkennzeichnungen ausreiche, um auch einzelstaatliche Warnanforderungen zu erfüllen. Bayer dürfe demnach auf der Roundup-Verpackung keinen Warnhinweis geben. Denn das stehe im Widerspruch zur Bewertung der Bundesumweltbehörde EPA, die Glyphosat als nicht krebserregend einstufe.

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