Chemiekonzern:Bayer hofft auf "Blockbuster"-Arzneien

Bayer in Leverkusen, 2018

Deutscher Firmensitz des Bayer-Konzerns in Leverkusen.

(Foto: Stefanie Preuin)

Die vielen Glyphosat-Klagen bringen den Leverkusenern einen Milliardenverlust ein. Nun soll eine Übernahme in den USA das Pharmageschäft stärken.

Von Benedikt Müller-Arnold, Köln

Die Chefs des Bayer-Konzerns versuchen, den Fokus umzulenken: weg von den vielen Klagen gegen die US-Tochter Monsanto, vom tausendfachen Streit um den Wirkstoff Glyphosat. Hin zu den Projekten, die Bayer voranbringen sollen, auf die man in ein paar Jahren stolz zurückschauen will. Das ist aber nicht so leicht.

Dieser Zwiespalt prägt auch die Halbjahresbilanz, die die Leverkusener nun vorlegen: Einerseits gibt Bayer eine Milliardenübernahme bekannt, in der Hoffnung auf ganz neue Medikamente in der Zukunft. Andererseits meldet der Konzern für das vergangene Quartal einen Verlust von 2,3 Milliarden Euro.

Schuld sind, nicht nur, aber vor allem, jene Rechtsrisiken, die Bayer mit übernahm, als man vor drei Jahren Monsanto kaufte, um zum weltgrößten Agrochemie-Konzern aufzusteigen. Seitdem gingen Zehntausende Klagen ein, die glyphosatbasierte Unkrautvernichter für Krebserkrankungen verantwortlich machen. Bayer weist den Zusammenhang zurück, doch nach mehreren Urteilen stellte der Konzern Milliarden zurück, für Vergleichszahlungen an Kläger.

Vorige Woche hat Bayer anhand zweier Szenarien erklärt, wie man künftige Rechtsrisiken so klein wie möglich halten will. Dabei kommt es darauf an, wie der Supreme Court - das oberste Gericht der USA - mit dem Fall Edwin Hardeman umgehen wird. Ein Gericht hatte dem Rentner auch in zweiter Instanz gut 20 Millionen Euro Schadenersatz zugesprochen. Bayer will diesen Fall vor den Supreme Court bringen und erwartet eine Entscheidung "vermutlich" für 2022.

Bayer hat in den vergangenen Monaten mehr verkauft - und trotzdem weniger verdient

Sollte das Gericht im Sinne des Konzerns urteilen, dann könnte dies den Streit um Glyphosat "weitgehend beenden", so die Hoffnung in Leverkusen; man sehe dafür "gute Chancen". Sollte der Supreme Court den Fall hingegen nicht verhandeln oder zugunsten der Kläger urteilen, dann müsste Bayer wohl auch in Zukunft Vergleiche schließen. Darauf sei man ebenfalls "vorbereitet", der Konzern stellte hierfür vorsorglich weitere 3,5 Milliarden Euro zurück. Das ist der Hauptgrund für den Quartalsverlust.

Allerdings zeigt Bayer auch im eigentlichen Geschäft Licht und Schatten. Die gute Nachricht aus betriebswirtschaftlicher Sicht lautet: Der Konzern hat in den vergangenen Monaten mehr verkauft als im Vorjahreszeitraum und das zu höheren Preisen. Bayer meldet etwa eine höhere Nachfrage nach Wirkstoffen gegen Unkraut oder Pilzbefall sowie nach Soja- und Mais-Saatgut. Auch das Pharmageschäft wächst, nachdem vor einem Jahr - zu Beginn der Corona-Pandemie - noch viele nicht unbedingt notwendige Operationen verschoben und daher weniger Medikamente benötigt wurden.

Aber, das ist die schlechte Nachricht für Aktionäre: Selbst wenn man Sondereffekte und Abschreibungen herausrechnet, meldet der Konzern einen zehn Prozent niedrigeren Gewinn vor Zinsen und Steuern als im Vorjahreszeitraum. Bayer verweist hier auf mehrere Faktoren: ungünstige Währungskurse etwa, teurere Rohstoffe und gestiegene Transportkosten. Und weil sich die Produkte gut verkaufen, stellt der Konzern mehr Geld für Bonuszahlungen zurück. An der Börse hat Bayer am Donnerstag zeitweise sechs Prozent an Wert verloren.

Blockbuster sind die Verkaufsschlager, im Kino und in der Pharmabranche

Vorstandschef Werner Baumann bemüht sich gleichwohl um Optimismus. "Wir erwarten für all unsere Geschäfte eine anhaltend positive Umsatzdynamik", sagt der 58-Jährige, der seit fünf Jahren an der Spitze steht. Baumann setzt vor allem auf das Pharmageschäft: Bayer habe erfolgreich Medikamente entwickelt und eingeführt, "von denen einige Blockbuster-Potenzial haben". Blockbuster, so nennen nicht nur Cineasten ihre Verkaufsschlager, sondern auch die Pharmabranche. Baumann verweist etwa auf ein Nierenmedikament, das kürzlich in den USA zugelassen wurde, oder auf eine klinische Studie zur Parkinson-Zelltherapie, die begonnen habe.

Bayer-Chef Werner Baumann

Werner Baumann will bis 2024 an der Vorstandsspitze bleiben, danach will sich der Bayer-Chef weitgehend aus der Wirtschaftsöffentlichkeit zurückziehen. Das hat der gebürtige Krefelder schon vor Monaten angekündigt.

(Foto: Sascha Steinbach/dpa)

In der Hoffnung auf weitere medizinische Durchbrüche wollen die Leverkusener nun die Firma Vividion Therapeutics übernehmen. Das Unternehmen aus Kalifornien forscht an neuartigen Wirkstoffen gegen Krebs und Krankheiten wie Reizdarm. Bayer zahlt zunächst umgerechnet 1,3 Milliarden Euro für die Firma, je nach Erfolg könnten zu einem späteren Zeitpunkt etwa 400 Millionen Euro hinzukommen. Der Konzern will die Übernahme noch in diesem Quartal abschließen, Vividion solle aber auch danach "weitgehend unabhängig agieren".

Nach dem Zukauf sei Bayer in der Lage, "erstklassige Medikamenten-Kandidaten zu entwickeln", sagt Vorstandsmitglied Stefan Oelrich, "und damit den Wert unseres Portfolios zu steigern." Es ist ein Hoffnungswert, der es am Donnerstag aber nicht leicht hatte, bei Investoren durchzudringen.

© SZ
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