Bayer:9300 Klagen wegen Glyphosat

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Bayer-Chef Werner Baumann will Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat unter allen Umständen verteidigen - und übt Medienschelte. Die vielen Klagen werden den Konzern auf Jahre beschäftigen.

Von Elisabeth Dostert, Berlin

Die Zahl der Klagen gegen die Bayer-Tochter Monsanto wegen des Pflanzenschutzmittels Glyphosat ist bis Ende Oktober auf etwa 9300 gestiegen. Bis Ende August waren es noch 8700 gewesen. "Mit weiteren Klagen ist zu rechnen", sagte Vorstandschef Werner Baumann am Dienstag in einer Telefonkonferenz. Immer wieder betont er, dass Glyphosat bei "sachgerechter" Anwendung sicher sei, Bayer "gute Argumente" zur Verteidigung habe und sich in den Verfahren "mit allen gebotenen Mitteln entschieden zur Wehr setzen" wolle.

Bislang ist ein Fall in erster Instanz entschieden. Im August hatte ein Geschworenengericht in San Francisco dem krebskranken Hausmeister Dewayne Johnson einen Schadenersatz von etwa 39 Millionen Euro und einen Strafschadenersatz von rund 250 Millionen Dollar zugesprochen. Im Oktober kürzte die zuständige Richterin den Strafschadenersatz aus formalen Gründen auf rund 39 Millionen Euro. Bayer will gegen das Urteil Berufung einlegen. Die Unterlagen würden gerade vorbereitet, sagte Baumann am Dienstag. Die Berufungsinstanz werde ein, zwei Jahre dauern, so dass mit einer Entscheidung Ende 2019/Mitte 2020 oder sogar später zu rechnen sei. Die nächsten Klagen werden voraussichtlich im Februar verhandelt. "Der gesamte Komplex wird uns länger als bis 2021 beschäftigen", sagte Baumann. Einzelne Vergleiche schloss er erneut aus.

Baumann wird nicht müde, das Pflanzengift wortreich zu verteidigen. Es geht um viel - für Bayer, aber auch für die gesamte Agrochemie-Industrie. Es geht um Geld, aber auch darum, wie Landwirtschaft betrieben werden soll. Glyphosat ist das weltweit am stärksten eingesetzte Herbizid. Das Patent ist längst abgelaufen, viele Agrochemie-Konzerne bieten Pflanzenschutzmittel, die auf Glyphosat basieren. Monsanto verkauft nicht nur das Gift, sondern auch gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, die gegen den Wirkstoff resistent sind. Sie sterben nicht ab, wenn auf demselben Acker Unkraut mit glyphosat-basierten Herbiziden bekämpft werden.

"Wir sind mit Abstand das beste und führende Agrarunternehmen."

Seit die internationale Krebsforschungsagentur IARC, sie gehört zur Weltgesundheitsorganisation WHO, im Frühjahr 2015 zu ihrer Risikoeinschätzung gekommen sei, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" beim Menschen sei, hätten, argumentiert Baumann, alle großen Regulierungseinheiten weltweit nochmals das Risikoprofil von Glyphosat "intensiv" überprüft. Allein die US-Umweltbehörde EPA habe sich mehr als 121 zusätzliche Studien angesehen im Bezug auf "mögliche Signale eines Krebsrisikos" und sei wiederum zu dem Ergebnis gekommen, "wie alle anderen Behörden auch, dass es bei sachgerechter Anwendung kein Risiko gibt." Vor dem Hintergrund der "wirklich überwältigenden wissenschaftlichen und regulatorischen Evidenz und unserer eigenen Analysen ... stehen wir vollumfänglich hinter diesen Aussagen", beteuert Baumann.

Journalisten empfiehlt der Vorstandschef, sollten sich ein "tatsächliches Bild" der zur Verfügung stehenden Informationen machen. In der Presse würden "einige Dinge so rumwabern, teilweise gesteuert durch Klägeranwälte in den USA." Da werde, so sieht das Baumann, "im Gegensatz zu dem, was Bayer tue, sehr selektiv und aus dem Zusammenhang kommuniziert."

Im dritten Quartal 2018 ging die Tochter Monsanto zum ersten Mal voll in die Rechnung ein. Die Erlöse des Konzerns stiegen um 23,4 Prozent auf 9,9 Milliarden Euro. Bereinigt um Veränderungen im Portfolio und Währungseinflüsse waren es 1,9 Prozent. Sondereinflüsse katapultierten das operative Ergebnis (Ebit) auf 4,4 Milliarden Euro nach 1,4 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Allein der Verkauf von Geschäften an den Konkurrenten BASF steuerte etwa 3,9 Milliarden Euro zum Ergebnis bei. Die Kartellbehörden hatten die Übernahme von Monsanto durch Bayer für rund 63 Milliarden Dollar an Auflagen gebunden, so musste sich Bayer unter anderem vom Geschäft mit Gemüsesaatgut trennen. Das Konzernergebnis fiel um knapp 26 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Der Aktienkurs von Bayer hat in den vergangenen Monaten gelitten. Baumann bleibt von der Monsanto-Übernahme überzeugt. "Wir sind mit Abstand das beste und führende Agrarunternehmen". Diese Führungsposition wolle er ausbauen.

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