Süddeutsche Zeitung

Baustoffe:Die Gips-Könige von Iphofen

Mit Milliarden-Akquisitionen hat das Familienunternehmen Knauf seine Position als Baustoffkonzern ausgebaut. Nun nehmen die Franken Afrika ins Visier. Konjunkturflaute oder Handelskriege fürchten sie nicht.

Von Uwe Ritzer, Iphofen

Die Ankunft lässt Schlimmes befürchten. Heruntergekommene Bahnsteige, zwei wild beschmierte Trafohäuschen, daneben ein schwarzer Haufen Schutt. Iphofen liegt zwischen Nürnberg und Würzburg, dem ersten Eindruck nach im abgehängten Niemandsland. Wer mit dem Zug anreist, findet jedenfalls keine Anzeichen dafür, dass hier ein Weltkonzern seine Zentrale hat, abgesehen vielleicht vom mustergültig zum Bürohäuschen sanierten Bahnhofsgebäude. Gleich daneben beginnt ein Fußweg durch ein ausgedehntes Fabrikgelände, und je weiter er von den Gleisen wegführt, desto mehr verflüchtigt sich der erste, negative Eindruck.

Jeder, der mal eine Baustelle betreten hat, kennt den blauen Schriftzug des fränkischen Familienunternehmens Knauf, das vor allem Gips und Dämmstoffe herstellt. Da aber weder die Firma noch ihre Eigentümer groß in die Öffentlichkeit drängen, werden die Dimensionen oft unterschätzt. Als da wären: eine der reichsten Familien hierzulande, ein Konzern mit 38 000 Beschäftigten (davon 6000 in Deutschland) und einem Umsatz von in diesem Jahr voraussichtlich zehn Milliarden Euro. Und erst vor Kurzem Zukäufe für mehr als sechs Milliarden Euro, finanziert ohne Schulden. "Wir sind unabhängig von den Banken", sagt Manfred Grundke. "Der größte Teil der Gewinne wird investiert und nur ein bescheidener an die Gesellschafter ausgeschüttet."

In angemessenem Abstand zum Bahnhof empfängt Grundke gemeinsam mit Alexander Knauf im repräsentativen Hauptquartier der Gips-Könige in Iphofen, wo die Veranstaltungssäle Namen tragen wie "Keuper" oder "Muschelkalk". Die beiden geschäftsführenden Gesellschafter leiten den Konzern seit sechs Jahren gemeinsam; am 1. Januar kommt mit Hilti-Vorstandsmitglied Jörg Kampmeyer erstmals ein dritter hinzu. Was dem Umstand geschuldet ist, dass Knauf zuletzt so rasant expandierte wie kein anderes deutsches Unternehmen dieser Liga. Zwei Manager allein können die Führungsarbeit nicht mehr stemmen. Der Plan sieht vor, dass sich Ingenieur Grundke künftig vor allem um technische Belange kümmert, Betriebswirt Knauf um die Finanzen, und Kampmeyer um Vertrieb und Digitalisierung.

Das Trio soll eine Erfolgsgeschichte fortsetzen, die 1932 mit einer Gipsgrube in Schengen an der Mosel begann und im Wesentlichen von Alexander Knaufs Vater Baldwin, 80, und dessen Cousin Nikolaus, 83, über mehr als 40 Jahre hinweg geschrieben wurde. Knauf stehe aktuell felsenfest da und habe auch vor einer lahmenden Weltkonjunktur, Handelskonflikten und Protektionismus keine Angst, versichert Alexander Knauf. "Wir haben ein sehr gesundes und stabiles Geschäftsmodell, sodass uns konjunkturelle Zyklen keine großen Sorgen machen."

Dieses Geschäftsmodell sei dezentral darauf ausgerichtet, "vor Ort für den lokalen Markt zu produzieren, dabei lokale Rohstoffe zu verwenden und Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen". Und sich bei alledem "aus der Politik des jeweiligen Landes komplett rauszuhalten", wie Manfred Grundke sagt. Letzteres ist ein wichtiger Hinweis, denn Knauf ist auch in politisch heiklen Regionen erfolgreich vertreten. In den GUS-Staaten zum Beispiel, in denen die Franken seit 1990 zwei Milliarden Euro investiert haben, zum unangefochtenen Marktführer aufgestiegen sind und lange Zeit nach Siemens zweitgrößter deutscher Investor waren. Man sagt der Eigentümerfamilie beste Kontakte in den Kreml nach; seit 20 Jahren fungiert Nikolaus Knauf als russischer Honorarkonsul in Franken.

Im Lauf der Jahrzehnte habe man vor allem die Fähigkeit entwickelt, "in Schwellenländer zu gehen und sich dort die eigenen Märkte überhaupt erst zu schaffen", sagt Alexander Knauf. Mit Geduld und Langfristigkeit, was Vorteile gegenüber börsennotierten Unternehmen seien. "Ob gute oder weniger gute Regierung - Knauf kommt, um zu bleiben", sagt Knauf.

Mit diesem Ansatz steuern sie von Iphofen aus gerade einen Kontinent an, der weltwirtschaftlich keine große Rolle spielt und fast ausschließlich als Rohstofflieferant wahrgenommen wird: Afrika. "Dort entstehen die Märkte der kommenden Jahrzehnte", sagt Manfred Grundke. Denn auch dort entwickle sich Wohlstand und wachse der Bedarf an vernünftigem Baumaterial - vor allem in großen Ballungsräumen wie Nairobi, Kairo oder Daressalam. Also verdoppelt Knauf seine Produktionskapazitäten in Ägypten, baut ein Werk in Tansania und plant ein weiteres in Nigeria, wofür man bereits ein Grundstück gekauft hat. Über Afrika verteilt knüpft Knauf mit Unterstützung des Bundesentwicklungsministeriums ein Netz aus Schulungszentren, in denen örtliche Bauleute ausgebildet und für Knauf-Produkte geschult werden. Selbst im Irak sind die Franken erfolgreich unterwegs.

Mit dem im Frühjahr abgewickelten Kauf des amerikanischen Konkurrenten USG, nach einer harten Übernahmeschlacht für mehr als sechs Milliarden Euro, sowie des US-Bodenplatten- und Bauelementeherstellers Armstrong World Industries für weitere 300 Millionen Euro ist Knauf endgültig vom Riesen zur Weltmacht in der Baustoffbranche aufgestiegen. Beide Akquisitionen sowie ein weiteres Beteiligungsgeschäft in Australien reduzieren zugleich die bisherige Abhängigkeit vom europäischen Markt. Speziell die Übernahme von Armstrong, dem Marktführer für Deckensysteme in Europa und Asien, sei strategisch sehr wichtig gewesen, sagt Alexander Knauf. "Damit haben wir neben Gips und Dämmstoffen ein drittes Standbein für unser Unternehmen geschaffen."

Das Unternehmen plant ein neues Untertage-Bergwerk nahe Würzburg

Investieren will das Unternehmen aber auch in heimischen Gefilden. "Grube Franken" soll ein neues Unter-Tage-Bergwerk in Oberaltertheim bei Würzburg heißen, für das die Genehmigungsverfahren laufen. 25 Millionen Euro will Knauf dort investieren, um im Dreischichtbetrieb Gips abzubauen; das unterirdische Vorkommen wird auf 70 Millionen Tonnen geschätzt. Damit will das Unternehmen einen Teil jener sechs Millionen Tonnen kompensieren, die durch die Energiewende wegfallen. Denn wenn es keine Kohlekraftwerke mehr in Deutschland gibt, liefern die dortigen Rauchgasentschwefelungs-Anlagen auch keinen Gips mehr. Ihn aus neuen Bergwerken zu gewinnen, sei ökologisch, sagt Grundke. Würde man die sechs Millionen Tonnen stattdessen über den Seeweg importieren, "würde dies in der Gesamtbilanz zu einer höheren Kohlendioxid-Belastung führen als ein ökologisch orientierter Abbau in heimischen Regionen".

An sich spielt dem Unternehmen die Energiewende in die Karten. Immer vorausgesetzt, die Rohstoffe sind ausreichend vorhanden. Denn wer klimaschädliches Kohlendioxid sparen wolle, dürfe nicht nur die Heizung austauschen, sondern müsse vor allem sein Haus dämmen, argumentieren Knauf und Grundke. Und auch von der Wohnungsnot profitieren sie in Iphofen. Denn entweder wird neu gebaut oder renoviert. Für beides liefert Knauf Baustoffe. "Was wir machen, sieht man in der Regel selten in einem fertigen Gebäude", sagt Grundke. "Aber es wird gebraucht."

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Quelle:
SZ vom 11.11.2019
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