Bauen:Täglich neue Preise

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Bauen: Baustelle in Hamburg: Viele Menschen fürchten, dass die Konjunktur einbrechen könnte.

Baustelle in Hamburg: Viele Menschen fürchten, dass die Konjunktur einbrechen könnte.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Stahl ist viel teurer geworden, andere Baustoffe sind gar nicht zu bekommen. Der Mangel an Material wird für viele Unternehmen zum Risiko - und zur Nervenprobe.

Von Roland Preuß, Berlin

Dirk Salewski versucht dem Wahnsinn gerade positive Seiten abzugewinnen. "Es ist jeden Tag ein neues Abenteuer", sagt der Geschäftsführer von Beta Eigenheim, einem mittelständischen Bauträger im westfälischen Bergkamen-Rünthe. Die Herausforderung des Tages besteht darin, das Material für die Baustellen heranzuschaffen und zwar zu Preisen, welche die Firma überleben lassen. Wo man früher einfach auf die Preislisten schaute und mal schnell was nachbestellte, gestaltet sich die Aufgabe heute wie eine Mischung aus Wettrennen und "Siedler von Catan", einem Brettspiel um Rohstoffe. Ständig fehlt etwas. Ständig muss man etwas heranschaffen - und zwar sofort.

Anfang des Jahres mangelte es an Dämmplatten aus Hartschaum, dann waren Mauerziegel nicht zu bekommen, als die wieder verfügbar waren, fehlten Bitumen-Produkte wie Dachpappe, um die Ostertage herum waren Dachpfannen nicht lieferbar, erzählt Salewski, der seit Kurzem auch Präsident des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen ist. Ohne Material aber geht nichts voran auf den Baustellen, die Bauarbeiter müssten trotzdem bezahlt werden - und die Häuser würden später fertig. Der Mangel bringt viele Bauunternehmer derzeit an den Rand ihrer Nervenkraft. "Wenn es überhaupt noch etwas gibt, dann für Tagespreise", sagt Salewski. Binnen eines Jahres ist das Material für Deutschlands Baustellen um bis zu 70 Prozent teurer geworden, vor allem die Stoffe, deren Herstellung viel Energie verschlingt wie Stahl oder Bitumen.

Die Preisexplosion trifft die ganze Bauwirtschaft hart, eine Branche, die jahrelang boomte - und noch Ende vergangenen Jahres optimistisch in die Zukunft blickte: Der Bedarf an Wohnungen ist hoch, die Bundesregierung will die Schaffung von 400 000 Wohnungen jedes Jahr mit einer Milliardensumme fördern, und die Häuser und Wohnungen wurden den Unternehmen zumindest in den Ballungsräumen für hohe Preise abgekauft. Nun erwarte man nach Abzug der Inflation dieses Jahr sogar einen Rückgang des Geschäfts um bis zu zwei Prozent, sagte der Präsident des Branchenverbands HDB, Peter Hübner, am Mittwoch in Berlin. Die Lage sei paradox. "Wir wollen bauen, wir sollen bauen, aber wir können oft nicht bauen." Die Lieferengpässe beim Material und die höheren Rohstoffpreise hätten zur Folge, dass immer mehr Auftraggeber Projekte verschöben oder gleich stornierten.

Niemand sei mehr in der Lage, ein Bauvorhaben noch seriös zu kalkulieren, sagt Dirk Salewski. "Nicht mal bei Einfamilienhäusern - das haben wir früher auf dem Bierdeckel gemacht." Die Preislisten von Lieferanten haben jetzt den Vermerk "EKZ" für Energiekostenzuschlag - und den passten die Händler natürlich kurzfristig an, je nachdem, was sie selbst bezahlen müssten. Jetzt bewähre sich allerdings auch, wenn man als Unternehmer gut und langjährig mit Lieferanten zusammengearbeitet habe, sagt Salewski. "Die Glücksritter haben jetzt ein Problem."

Er und seine Firma kaufen inzwischen verfügbares Material sofort auf Vorrat und lagern es in der Tiefgarage ein, sagt Salewski. Sie hamstern für den Bau wie andere Klopapier.

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