Bau - Heidelberg:Freiburg sieht Kanzlerbesuch als Signal

Bau - Heidelberg: Bäume sind im Dietenbach-Wald zu sehen, der bald einem Neubaugebiet weichen soll. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa
Bäume sind im Dietenbach-Wald zu sehen, der bald einem Neubaugebiet weichen soll. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa (Foto: dpa)

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Freiburg/Stuttgart (dpa/lsw) - Noch gibt es einen freien Blick über Äcker und Wiesen, bis zur Innenstadt sind es nur rund vier Kilometer: Der geplante Stadtteil Dietenbach im Freiburger Westen ist ein Projekt der Superlative. In Zukunft sollen dort einmal 16 000 Menschen leben. "Dietenbach ist von zentraler Bedeutung im Kampf gegen die Freiburger Wohnungsnot und steigende Mieten", lautet das Credo von Oberbürgermeister Martin Horn. Der parteilose Rathauschef lud Bundeskanzler Olaf Scholz zum Spatenstich ein. Der SPD-Politiker wird dem Rathaus zufolge nun am 27. Februar erwartet.

Das Riesenvorhaben führt in der quirligen Schwarzwaldmetropole mit über 235 000 Bewohnern auch zu Widerstand. Es laufen mehrere rechtliche Auseinandersetzungen, die zu Verzögerungen beitrugen. Landwirte kündigten bereits an, zum Kanzlerbesuch zu kommen - die Proteste von Bauern in ganz Deutschland richten sich gegen die Sparpläne der Bundesregierung, insbesondere gegen die geplanten Kürzungen beim Agrardiesel.

Verantwortliche der Kommune begrüßen die Rückendeckung für das neue Viertel. "Wir haben früh gemerkt, dass wir ein großes, neues Baugebiet brauchen", sagt der parteilose Baubürgermeister Martin Haag der Deutschen Presse-Agentur. "Vor zehn Jahren, als wir gestartet sind, waren wir die Exoten in Deutschland. Wir sind jetzt relativ weit."

Um die Wohnungsknappheit in Deutschland einzudämmen, müssen nach Ansicht von Kanzler Scholz ganze Stadtviertel neu gebaut werden. Es seien 20 neue Stadtteile in den großen Städten auf der grünen Wiese nötig, sagte Scholz im Oktober in Berlin. Man müsse sich von "bestimmten Reserviertheiten in dieser Frage lösen", lautete der Appell des Regierungschefs.

Wohnungsbau weiterhin auf Talfahrt

Die Zeichen für den Wohnungsbau stehen allerdings nicht gut. Das Münchner Ifo-Institut schätzt, dass im laufenden Jahr bundesweit lediglich 225.000 Wohnungen fertiggestellt werden könnten. Das wären 45.000 weniger als im vergangenen Jahr. Zu den Gründen zählen unter anderem die Steigerung bei Baukosten und Kreditzinsen.

Und auch der Einbruch im baden-württembergischen Wohnungsbau droht sich fortzusetzen. Von Januar bis Dezember 2023 wurden nach Angaben des Statistischen Landesamtes 26 452 Wohnungen fertiggestellt. Das war fast ein Drittel weniger als im selben Zeitraum des Vorjahres. Auch die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen war zuletzt eingebrochen, die Bauwirtschaft im Südwesten schlägt deshalb bereits seit Monaten Alarm. Einen Aufwärtstrend erwarten die Bauunternehmen im Land in diesem Jahr nicht mehr.

Bauwirtschaft: Dietenbach könnte helfen, Baukonjunktur zu stabilisieren

Erst Ende Januar warnte der Verbandspräsident der Bauwirtschaft, Markus Böll, dass man aktuell ohne Perspektive dastehe. "Die Baugenehmigungszahlen sprechen eine eindeutige Sprache, und zwar die Sprache: Es geht abwärts", sagte er. Der Verband rechnet auch mit einer weiteren Zunahme der Firmenpleiten. Weil viele Unternehmen noch alte Aufträge abarbeiteten, zeige sich gesamte Ausmaß der Krise voraussichtlich erst ab dem Frühjahr. Der Verband vertritt rund 1600 Firmen aus Baugewerbe und Bauindustrie.

Vom dem Großprojekt in Freiburg erhofft sich Hauptgeschäftsführer Thomas Möller Impulse für den Neubau. "Diese mutige Maßnahme leistet einen wichtigen Beitrag zur Schaffung von dringend benötigtem neuem Wohnraum in der Region", sagt er. Sie könne dabei helfen, die Baukonjunktur zu stabilisieren und biete zugleich die Chance, innovatives und zukunftsweisendes Bauen zu realisieren. Man hoffe, dass die notwendigen Investitionen für den Stadtteil nun zügig umgesetzt würden.

Neuer Stadtteil soll weitgehend klimaneutral gebaut werden

Freiburg präsentiert sich auch international als "Green City" ("Grüne Stadt") und hat deshalb einen Ruf zu verteidigen. Zubetonieren wie in den 1970er Jahren kommt daher nicht infrage. Der neue Stadtteil mit rund 7000 Wohnungen wird weitgehend klimaneutral gebaut und versorgt, wie Baubürgermeister Haag versicherte. Rund die Hälfte der Wohnungen sind öffentlich geförderte Mietwohnungen. "Dietenbach ist ein besonderes Baugebiet, schon aufgrund seiner Größe. Es sucht landes- und bundesweit seinesgleichen." In einem Bürgerentscheid waren im Jahr 2019 über 60 Prozent der abgegebenen Stimmen für das Vorhaben.

In Dietenbach laufen nun erste Arbeiten an, um das weitläufige Gelände zu erschließen. Dass dort Kanäle verlegt und Straßen gebaut werden, sieht Haag als ein wichtiges Zeichen. Die ersten Hochbauten dürften aber erst in den Jahren 2027 und 2028 entstehen. Das sollte eigentlich schneller gehen, doch der Anschluss an Fernwärme und andere Infrastruktur gestaltete sich aufwendiger als zunächst gedacht.

"Es wird auch hoffentlich der Bevölkerung klar, auch der, die sich heute noch kritisch zu dem Stadtteil stellt, dass es läuft und dass man konstruktiv darüber nachdenken sollte, wie man das mitgestaltet", sagte Haag. Umweltschützer gehen unter anderem rechtlich gegen das Roden von Bäumen in einem Waldstück am Rande des riesigen Areals vor. Dieser Eingriff ist der Stadt zufolge nötig, um eine überregionale Gasleitung auf eine neue Trasse zu verlegen.

Großprojekte auch in anderen Südwest-Städten

Dietenbach erinnert an andere große Wohnbauprojekte im Land: Zum Beispiel auf dem Areal des früheren Güter- und Rangierbahnhofs in Heidelberg entsteht seit mehr als 15 Jahren ein neuer Stadtteil. Die Bahnstadt - nach Angaben der Verwaltung eine der größten Passivhaus-Siedlungen der Welt - befindet sich mittlerweile auf der Zielgeraden. Aktuell stünden noch drei Baufelder aus, die bereits vergeben und in Planung seien, sagte eine Stadtsprecherin.

In der Bahnstadt sind nach jüngsten Daten für das Jahr 2022 bislang fast 3200 Wohnungen entstanden - und damit ein großer Teil aller neuen Wohnungen in Heidelberg. In dem jungen Stadtteil wohnen mittlerweile fast 6000 Menschen. Tausende arbeiten dort.

Neben der Bahnstadt setzt Heidelberg auch verstärkt auf Flächen, die nach dem Abzug des US-Militärs frei geworden sind. Ähnliches passiert beispielsweise auch in Mannheim. Dort wurden mehr als 500 Hektar Fläche frei - mit Platz für Tausende Wohnungen, die bereits fertiggestellt wurden oder noch entstehen sollen.

Ein weiteres Großprojekt steht in Stuttgart an: Sobald der neue Hauptbahnhof in Betrieb geht, soll dort mit dem Rückbau der oberirdischen Gleise begonnen werden. Auf den 85 Hektar Fläche in bester Kessellage soll in den Jahren darauf der neue Stadtteil Rosenstein. Der Rahmenplan, der im Herbst beschlossen wurde, sieht neben bis zu 5800 Wohneinheiten unter anderem Schulen, Kitas, Sportanlagen und Kultureinrichtungen vor.

© dpa-infocom, dpa:240218-99-32209/3

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