Jürgen Hambrecht "Es wird Angst geschürt"

SZ: Sie meinen die Hoechst AG und die Kämpfe mit dem damaligen hessischen Umweltminister Joschka Fischer.

Hambrecht: Ja, Hoechst gibt es nicht mehr, die rote Gentechnik dagegen ist allgemein akzeptiert, weil es einen unmittelbaren Nutzen für die Menschen gibt.

SZ: Aber die Menschen haben nach wie vor Unbehagen vor der Manipulation von Pflanzen. Können Sie das verstehen?

Hambrecht: Es gibt ein Unbehagen, das mit wissenschaftlichen Fakten nicht in Einklang zu bringen ist. Bei aufgeklärten Menschen kann ich die Vorbehalte gegen die Gentechnologie nicht verstehen. Aber es wird auch Angst geschürt.

SZ: Das ist eine Koalition, die von den Grünen bis zur bayerischen CSU reicht.

Hambrecht: Wir sind froh, dass sich die Bundesregierung zur grünen Gentechnologie bekannt hat. Ich bin aber enttäuscht über das, was in einigen Ländern der EU, aber auch in manchem Bundesland geschieht. Die Genehmigungsverfahren sind oft zu langsam.

SZ: Sie wollen mit genveränderten Pflanzen wie der Kartoffel Amflora in Zukunft Gewinne machen. Brauchen wir diese Technologie wirklich?

Hambrecht: Auf jeden Fall. Auch wenn wir hier in Europa im Vergleich zu anderen Regionen keine reale Not kennen. Aber in Asien oder Afrika stellt sich sehr wohl die Frage, wie die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden soll. Dafür brauchen wir Pflanzen, die mit weniger Wasser auskommen, die auch auf schlechten Böden wachsen können.

SZ: Fachleute sagen, die Welternährung sei ein Problem der Verteilung. Es gebe genug Nahrungsmittel für alle.

Hambrecht: Das stimmt zum Teil. Es ist auch ein Problem der Lagerung von Ernten. Viele Früchte oder Getreide verrotten oder verschimmeln in Asien oder Afrika wegen falscher Lagerung. Aber es ist auch ein Problem der zu geringen Verfügbarkeit von Land und Wasser sowie zunehmender Trockenheit. Deshalb wollen wir die grüne Gentechnik in Deutschland weiterentwickeln und den Landwirten weltweit zur Verfügung stellen.

SZ: Aber es besteht die Gefahr, dass bei der Manipulation von Pflanzen etwas aus dem Ruder läuft, was nicht mehr zurückgeholt werden kann.

Hambrecht: Nein, durch die genetische Verbesserung entstehen doch keine Monsterpflanzen. Auch die Angst, durch genveränderte Nahrungsmittel zu erkranken, ist unbegründet. Dafür gibt es keinen wissenschaftlich begründeten Nachweis.

SZ: Können Sie das ausschließen?

Hambrecht: Als aufrichtiger Naturwissenschaftler kann ich überhaupt nichts ausschließen.

SZ: Und dann wundern Sie sich, dass Ihnen Kritik entgegenschlägt?

Hambrecht: Der Wunsch, Risiko komplett auszuschließen, greift in Deutschland zunehmend um sich. So kann man keine nachhaltige Zukunft gestalten.

SZ: Der Ölkonzern BP ist seit der Explosion seiner Bohrinsel im Bestand gefährdet. Sind Risiken heute noch beherrschbar?

Hambrecht: Es kann Vorfälle geben, die für ein Unternehmen kritisch sind. Deshalb muss man ein Portfolio haben, in dem die Risiken ausgewogen sind.

SZ: Die Weltwirtschaft erholt sich. Ist die Krise, die uns vor zwei Jahren in die Knie gezwungen hat, schon wieder vorbei?

Hambrecht: Auch wenn unsere Geschäfte wieder gut laufen, sind die Auswirkungen der Krise noch zu spüren. Dass Deutschland so schnell aus dem Tal gekommen ist, ist auch dem erstklassigen Krisenmanagement der Regierung zu verdanken. Die Politik hat mit den Sozialpartnern Vorzügliches geleistet. Das hat viel Geld gekostet, jetzt muss sich der Staat entschulden, auch das macht die Bundesregierung richtig.

SZ: Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?

Hambrecht: Schnelles Entscheiden und klares Kommunizieren ist wichtig. Besser und schneller entscheiden als der Wettbewerber bringt Riesenvorteile. Und ich habe gelernt, welch enormes Potenzial in unseren Mitarbeitern steckt.

SZ: Denken Sie heute über einige Dinge anders als vor der Krise?

Hambrecht: Man darf nie nachlassen, noch besser zu werden. Diese Haltung hat sich in der Krise verstärkt. Zum Beispiel werden wir unseren Cashflow weiter optimieren und die Aufwendungen für Forschung auf hohem Niveau halten.