MeinungFehlende GeldautomatenDas Ende des Bargelds ist eine schreckliche Vorstellung

Kommentar von Harald Freiberger

Lesezeit: 3 Min.

Bargeld ist auch optisch ansprechender als die irgendeine Handy-App.
Bargeld ist auch optisch ansprechender als die irgendeine Handy-App. Christin Klose/dpa-tmn

Das Netz an Geldautomaten wird immer dünner, weil die Deutschen immer öfter mit Karte oder App zahlen. Dabei täten sie gut daran, den Bargeldverkehr auch selbst aufrechtzuerhalten.

Dass sich in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren viel verändert hat, kann jede Bürgerin und jeder Bürger täglich an der Supermarktkasse feststellen: Anno 2005 zahlten die meisten Kunden noch bar. „Ich glaub, ich hab's recht“, sagten sie und fingerten einen Schein und diverse Münzen aus Messing und Kupfer aus ihrem Geldbeutel. Oder sie zahlten mit einem größeren Schein und bekamen von der Kassiererin diverse Münzen zurück. Deutschland galt lange Zeit als das Land, in dem Bares noch Wahres war – anders als etwa England oder die skandinavischen Länder, in denen schon seit Jahrzehnten überwiegend mit Kreditkarte gezahlt wird.

Doch in den vergangenen Jahren haben die Bundesbürger diese Entwicklung nachgeholt, und zwar in schnellem Tempo. Dazu hat die Verbreitung der Smartphones stark beigetragen. Gerade jüngere Menschen halten heute nur noch ihr Gerät an den Scanner und zahlen per App. Mittelalte Kundinnen und Kunden zücken die EC- oder Kreditkarte. Meist sind es nur noch die Älteren, die mit Scheinen und Münzen an der Kasse hantieren. Selbst wer beim Bäcker nur zwei Brezen zahlt, macht das häufig mit virtuellem Geld. Das wäre vor 20 Jahren auch kaum vorstellbar gewesen.

Wie sehr das Bargeld in Deutschland auf dem Rückzug ist, zeigen jetzt auch Daten der Bundesbank: Die Zahl der Geldautomaten ist 2024 unter 50 000 gefallen, von 51 300 auf 49 750. Auf dem Höhepunkt im Jahr 2015 hatte es noch mehr als 61 000 Geräte gegeben. Auch diese Entwicklung können die Deutschen in ihrem persönlichen Umfeld nachvollziehen: Viele haben es heute deutlich weiter zum nächsten Geldautomaten als noch vor wenigen Jahren. Im Durchschnitt beträgt dieser Weg jetzt für jeden Bürger 1,4 Kilometer, rechnete die Bundesbank aus.

Mit Karte zu zahlen, ist praktisch – doch es hat zwei entscheidende Nachteile

Nun könnte man sagen, dass solche Zahlen eine logische Folge der gesellschaftlichen Realität sind: Wenn die Bürger immer weniger bar zahlen und Bargeldautomaten weniger nutzen, ist es verständlich, dass Banken die Infrastruktur zurückfahren. Auch für die Kunden hat das Zahlen per App oder Karte viele Vorteile: Es geht schneller und ist praktischer, man muss keinen so schweren Geldbeutel tragen, nicht mit Scheinen und Münzen hantieren und nicht so oft zum Geldautomaten laufen. Bargeld unter die Leute zu bringen, ist ohnehin teuer: Es muss gedruckt und geprägt, verteilt und gesichert, wieder eingesammelt und auf Fälschungen überprüft werden. Die Kosten dafür trägt der Steuerzahler. Deshalb hat die Bundesbank schon vor Jahren ihren Vertrieb eingeschränkt und Kosten auf die Banken abgewälzt. Viele von ihnen sind nun ganz froh, wenn sie die Bargeldversorgung zurückfahren und Kosten sparen können.

Insofern wäre der Rückzug des Bargelds kein großes Problem: Die Bürger zahlen immer weniger bar, also muss man sie auch nicht mehr so mit Bargeld versorgen wie früher. Angebot und Nachfrage bleiben im Gleichgewicht. Und trotzdem führt das langsame Ende der Scheine und Münzen zu zwei schwerwiegenden gesellschaftlichen Nachteilen. Da ist zum einen die zunehmende Ausgrenzung älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die es nicht mehr schaffen, sich an Karten oder Bezahl-Apps zu gewöhnen. Allein für sie ist es notwendig, dass Banken ein möglichst dichtes Netz an Filialen und Geldautomaten aufrechterhalten und Läden Bargeldzahlung so lange wie möglich anbieten. Denn auch das ist die Realität in Deutschland im Jahr 2025: In immer mehr Geschäften können Kundinnen und Kunden gar nicht mehr mit Scheinen und Münzen bezahlen.

Es gibt noch einen anderen Grund, weshalb Bares auch in Zukunft wichtig bleiben wird, und der hat mit Datenschutz zu tun: Wer mit Karte oder App zahlt, hinterlässt immer Spuren, die wer auch immer nachvollziehen kann. Vieles ist da denkbar und vieles wird schon gemacht. Mit Bargeld zu zahlen, bedeutet dagegen ein Stück Anonymität und individuelle Freiheit in einer durchdigitalisierten Welt. Es ist eine ziemlich schreckliche Vorstellung, dass es irgendwann kein Bargeld mehr geben könnte. Deshalb tun Bürger, denen an ihrer Freiheit gelegen ist, gut daran, den Bargeldverkehr auch selbst aufrechtzuerhalten. Und sei es nur, indem sie ab und zu die zwei Brezen beim Bäcker mit Münzen zahlen.

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