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Karte und App:Warum uns Norwegen beim bargeldlosen Bezahlen weit voraus ist

Kleingeld

Bargeld vermittelt den Deutschen ein Gefühl von Sicherheit.

(Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa)
  • Nirgends in Europa zahlen die Menschen seltener mit Geldscheinen als in Norwegen.
  • Die Netzabdeckung ist in Nordeuropa deutlich leistungsfähiger als in Deutschland, die Lesegeräte für Kartenzahlung günstiger.
  • Doch die Deutschen hängen nicht nur wegen der schlechteren Infrastruktur am Bargeld: Für sie sind die Scheine ein Stück Sicherheit und Privatsphäre.

Wann bei ihm zum letzten Mal jemand bar bezahlt hat? Wayne Linehan muss kurz nachdenken. "Heute Morgen", sagt er dann, gleich seine ersten beiden Kunden hätten "zufälligerweise" mit Münzen und Scheinen bezahlt. So etwas merkt er sich. Der gebürtige Brite Linehan verkauft Käse an einem Stand im Zentrum der norwegischen Hauptstadt Oslo. Er bekommt jeden Tag mit, dass es hier mittlerweile ziemlich exotisch ist, eine Rechnung bar zu begleichen. Die Norweger zahlten "wirklich alles" mit Kreditkarte - auch ein Stück Gouda für umgerechnet ein paar Euro. Es wäre geschäftsschädigend, wenn nicht auch an seinem kleinen Stand auf dem Wochenmarkt ein kleines Lesegerät für Bezahlkarten bereitliegen würde. "Wenn doch mal jemand bar bezahlt, sind es meist Ausländer wie wir", sagt er und lacht.

Nirgends in Europa nehmen die Menschen seltener Geldscheine in die Hand als in Norwegen. Nur elf Prozent aller Zahlungen tätigen sie in bar, das zeigen Zahlen der norwegischen Zentralbank. In Oslo, Bergen oder Trondheim können Kunden auch kleine Beträge beim Bäcker oder in der Kantine mit Karte bezahlen. Selbst die Türen zu öffentlichen Toiletten lassen sich zum Teil nur per Kreditkartenzahlung öffnen. Der obligate Teller mit Münzen im Eingangsbereich hat im Norden ausgedient. Auch in den Nachbarländern Schweden und Dänemark ist das Papiergeld auf dem Rückzug.

Konsum und Handel Deutsche zahlen erstmals mehr mit Karte als in bar
Bezahlen

Deutsche zahlen erstmals mehr mit Karte als in bar

Die Verbraucher in Deutschland sind dafür bekannt, am Bargeld zu hängen. Doch 2018 haben sie zum ersten Mal mehr mit Karte ausgegeben als in Scheinen und Münzen.

In Deutschland dagegen hängen viele Menschen am Bargeld. In Großstädten wie Frankfurt gibt es zahlreiche Restaurants, in denen nur Barzahlung möglich ist. Die meisten Kunden akzeptieren die Umstände, wie es scheint, denn sonst würde sich die Gastronomie wohl anpassen wie in Oslo und Stockholm, wo an den Eingangstüren zu den Lokalen steht: no cash. Der Wandel bei den Bezahlroutinen setzt sich in Deutschland nur langsam durch. Im vergangenen Jahr haben die Kartenzahlungen erstmals die Barzahlung ausgestochen, gemessen am Umsatz. Wie das Handelsinstitut EHI berechnete, stieg der Anteil der Kartenzahlungen auf 48,6 Prozent, der des Bargelds lag bei 48,3 Prozent. "Insbesondere Kleinbetragszahlungen bis fünf Euro werden weiterhin zu 96 Prozent und Ausgaben bis 50 Euro größtenteils in bar beglichen", notierte auch die Bundesbank in ihrer jüngsten Studie zum Zahlungsverhalten in Deutschland. Mit Blick auf die Zahl der Transaktionen sei Bargeld nach wie vor das am häufigsten genutzte Zahlungsinstrument.

Bargeld erleichtert Korruption und begünstigt den Schwarzmarkt

Die deutsche Zurückhaltung bei der Kartenzahlung hat viele Ursachen. Viele Bundesbürger haben Angst, ausgespäht zu werden. Die Furcht vor einem Missbrauch der Zahlungsinformationen durch Behörden ist vor allem bei Älteren ausgeprägt, nicht zuletzt jenen, die anlässlich der Volkszählung 1987 wegen der Abfrage persönlicher Informationen zum Boykott aufgerufen haben. Aber auch jüngere Deutsche verbinden mit dem Geldschein ein Stück Privatsphäre und Sicherheit. Elektronisches Geld lässt sich nachverfolgen, Bargeld nicht.

Die Menschen in Skandinavien sind in dieser Hinsicht pragmatischer. Sie nehmen technischen Fortschritt eher an und reiben sich weniger an Datenschutzproblemen. Schon in den 1990er-Jahren entstand dort mit den Firmen Ericsson und Nokia als Treiber in rasantem Tempo ein großer Mobilfunkmarkt. Die Handy-Kultur ist im Norden viel reifer, was auch die Akzeptanz des mobilen Bezahlens gestärkt hat. Dazu kommt: In den dünn besiedelten Gebieten Lapplands ist die Bargeldversorgung durch die Notenbanken inzwischen sehr ausgedünnt worden. Die Bürger sind faktisch auf Kartenzahlung angewiesen. Schon lange kann man sogar in Kirchen bargeldlos seinen Obolus entrichten, in Großstädten sieht man Bettler und Straßenkünstler, die Karte nehmen. Die Lesegeräte sind entsprechend günstig, die Netzabdeckung, sprich die Infrastruktur, ist in Nordeuropa deutlich leistungsfähiger als in Deutschland.

"Die Norweger haben ein großes Vertrauen in politische und wirtschaftliche Institutionen. Sie glauben, dass eine bargeldlose Gesellschaft die Geldwäsche, die Korruption und den Schwarzmarkt besser bekämpfen kann. Vor allem aber finden sie es einfach bequemer", sagt Tor W. Andreassen, Professor an der Norwegian School of Economics in Bergen.

In Norwegen verschwindet das Bargeld aber nicht nur aus den Läden und Restaurants. Auch wenn Geld von privat zu privat (P2P) übergeben wird, greifen die Norweger nur etwa jedes siebte Mal zu Bargeld. In Deutschland sammelt man Scheine für den runden Geburtstag der Kollegin und kramt Münzen zusammen, um die Rechnung beim Italiener mit dem Partner zu splitten - in Norwegen wird "gevippst". Von gut 5,3 Millionen Bürgern haben 3,2 Millionen die Vipps-App für das mobile Bezahlen auf ihr Smartphone geladen.

Seit 2015 kann man via Vipps auch überall dort bargeldlos bezahlen, wo keine Kartenlesegeräte vorhanden sind. Auf dem Flohmarkt zum Beispiel, oder in der Kirche: Wer im Dom von Oslo eine Kerze für seine Lieben anzünden möchte, zahlt die zehn Kronen (umgerechnet ein Euro) nicht per Münze, sondern schickt über Vipps eine Nachricht mit dem Betrag an die Nummer #81460. Das Gleiche funktioniert mit Handynummern von Freunden, denn über die Anwendung ist jede Telefonnummer mit einer Bankverbindung verknüpft.

"Norweger lieben Technologien. Wenn sie uns zur Verfügung stehen, dann nutzen wir sie auch", sagt Berit Svendsen. Sie ist bei Vipps nicht nur für die Expansion in neue Märkte verantwortlich, sondern auch eine der bekanntesten Managerinnen Norwegens. Jahrelang leitete sie das Norwegen-Geschäft beim Telekommunikationskonzern Telenor, bevor sie das Unternehmen nach einem Machtkampf verließ. Dass sie danach ausgerechnet bei einem Start-up wie Vipps neu anfing, sagt viel aus über die Bedeutung der bargeldlosen Technologie in dem skandinavischen Land. Die DNB, Norwegens größte Bank, entwickelte Vipps, doch inzwischen können die Kunden von mehr als 100 regionalen und überregionalen Banken die App nutzen. "Nur so erreicht man die Menschen", sagt Svendsen.