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Bezahlen:Die Deutschen haben weniger Bargeld im Portemonnaie

Viele Einzelhändler weisen ihre Kunden seit Pandemie-Beginn darauf hin, bevorzugt kontakt- und damit auch bargeldlos zu bezahlen - per Karte oder per Smartphone.

(Foto: Mareen Fischinger/mauritius images)

Eigentlich gelten die Menschen hierzulande als Anhänger von Münzen und Scheinen. Doch inzwischen bezahlen immer mehr mit der Karte oder dem Handy. Das liegt auch an der Pandemie, aber nicht nur.

Von Felicitas Wilke

Vor der Corona-Krise glich es in Deutschland einem Leben am Limit, das Haus ohne Münzen und Scheine zu verlassen. Ein Brötchen beim Bäcker zu bezahlen? Ein vielerorts hoffnungsloses Unterfangen. Und auch in so mancher Kneipe mussten die Begleiter mit Barem aushelfen. Doch seit es Begriffe wie "Abstand" und "kontaktlos" ins täglich genutzte Vokabular geschafft haben, stehen Kartenterminals in immer mehr Geschäften und Restaurants bereit. So lässt es sich wohl auch erklären, warum die Menschen hierzulande im Durchschnitt nur noch 74,80 Euro in bar mit sich herumtragen - knapp 15 Euro weniger als im Jahr zuvor. Das zeigt eine repräsentative Befragung des Zahlungsdienstleisters Klarna.

Lange Zeit galt der Hang der Deutschen zum Bargeld als unerschütterlich. Während die Niederländer oder Schweden an der Kasse schon vor Jahren oft ihre Karte oder ihr Smartphone zückten, wurden in Deutschland nach Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB) im Jahr 2016 noch 80 Prozent aller Vor-Ort-Zahlungen in bar beglichen. Die Menschen hierzulande legen mehr Wert auf Datenschutz als anderswo in Europa. Nur noch mit der Karte zu zahlen statt anonym in bar, könnte sie zum gläsernen Bürger machen, befürchten einige.

Insbesondere bei den jungen Menschen verflüchtigt sich diese Sorge offenbar vermehrt: Die Befragung von Klarna zeigt, dass ein Fünftel der 18- bis 24-Jährigen gar kein Bargeld mehr im Einzelhandel nutzt. Bei den Befragten über 55 Jahren gibt das jeder Siebte an. Zudem begleichen immer mehr Menschen auch kleinere Rechnungen mit der Karte, dem Smartphone oder der Smartwatch. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen in den vergangenen Monaten auch schon andere Erhebungen.

Seit der Pandemie empfinden viele Menschen Bargeld als unhygienisch

"Die Krise hat einen Trend beschleunigt, der sich schon in den Jahren zuvor gezeigt hat", sagt Nils Beier, Experte für Zahlungsverkehr bei der Beratungsfirma Accenture. Tatsächlich war der Anteil der Kartenzahlung an allen Transaktionen schon in den Jahren zuvor stetig angestiegen, wie beispielsweise regelmäßige Befragungen der Bundesbank zeigten. "Das liegt vor allem daran, dass alternative Angebote, etwa durch die kontaktlose Girocard, immer schneller geworden sind. Gleichzeitig sind jüngere Menschen tendenziell offener gegenüber neuen Technologien wie dem Bezahlen mit dem Smartphone", sagt Beier.

Der Einfluss der Pandemie kommt hinzu. Zwar geht von Bargeld nach bisherigen Erkenntnissen kein erhöhtes Covid-19-Infektionsrisiko aus. Doch in einer Zeit, in der man keine fremden Hände mehr schüttelt und sich nicht mal ins eigene Gesicht fassen sollte, kommt es vielen Menschen offenbar unpassend vor, Münzen und Scheine zu berühren, die schon durch zahlreiche Hände gewandert sind. Wie Zahlen des Handelsforschungsinstituts EHI aus dem Mai zeigen, treiben daher insbesondere die kontaktlosen Bezahlmöglichkeiten den Wandel weg vom Bargeld voran. Bereits 60 Prozent der Transaktionen mit der Girocard erfolgen ohne Berührung. Die Devise lautet: Finger weg, so gut es geht.

Dazu hat auch der Handel selbst beigetragen. Viele Supermärkte weisen die Kundschaft seit Beginn der Corona-Krise darauf hin, bevorzugt kontakt- und damit bargeldlos zu bezahlen. Aus hygienischen Gründen, wie etwa Aldi Süd in der Vergangenheit betonte. Günstiger sei es für die Supermärkte, verglichen mit den Werttransporten fürs Bargeld, nämlich nicht, die Kartenzahlungen abzuwickeln.

Und dann ist da noch ein sich selbst verstärkender Effekt. In den vergangenen Jahren haben Banken und Sparkassen Tausende Filialen geschlossen - und mit ihnen mancherorts auch die Geldautomaten abgebaut. Eine Analyse des Beratungshauses Barkow Consulting aus dem November zeigt, dass die Zahl der bankeigenen Geldautomaten in Deutschland zwischen 2015 und 2019 um 4000 Stück auf noch gut 51 000 Geräte zurückgegangen ist. Wer keinen Geldautomaten mehr in der Nähe hat, zückt eher die Karte. Der aktuellen Klarna-Erhebung zufolge heben sechs Prozent der Befragten gar kein Geld mehr ab, ein knappes Viertel macht sich weniger als einmal pro Monat auf den Weg zum Geldautomaten.

Je mehr Menschen zu bargeldlosen Zahlungsmitteln greifen, desto eher werden die Geldinstitute wohl weitere Automaten deinstallieren. Für das Jahr 2021 rechnet Barkow Consulting damit, dass die Zahl weiter zurückgehen wird, und zwar auf bundesweit gut 48 000 Geräte. Zwar kommen Verbraucherinnen und Verbraucher mittlerweile auch an vielen Supermarktkassen an Bares oder können an Geldautomaten bankenunabhängiger Betreiber abheben. Dort allerdings müssen sie sich nach Öffnungszeiten richten oder teils hohe Gebühren berappen.

Pandemie hin oder her: Experte Beier glaubt, dass die Entwicklung weg vom Bezahlen mit Scheinen und Münzen weiter voranschreiten wird - wenn auch langsam. "Es wird noch dauern, bis die Menschen ohne Geldbeutel aus dem Haus gehen werden, ohne das Gefühl zu haben, etwas vergessen zu haben", sagt er. Allerdings betont er auch: Die 74,80 Euro, die im Portemonnaie bereitliegen, seien nur ein Klacks verglichen mit dem Bargeld, das viele Menschen zu Hause in Strümpfen oder Schatullen als Notgroschen lagerten. Beim Bäcker mag man Bargeld im Jahr 2021 nicht mehr benötigen. Doch für das Gefühl, in schlechten Zeiten noch ein paar Scheine zücken zu können, ist es für viele auch nach Corona noch ein Muss.

© SZ
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