Bargeld Jeder Cent zählt

Eine Kasse ohne Ein- und Zwei-Cent-Münze in Kleve: Viele Einzelhändler machen beim Versuch, das Kleingeld abzuschaffen, aber nicht mehr mit.

(Foto: Maja Hitij/dpa)

Das nordrhein-westfälische Kleve war Vorreiter dabei, die kleinen Münzen abzuschaffen. Doch das Experiment zeigt: Das ist schwerer als gedacht.

Von Marlene Thiele

Es ist vorbei. In Kleve hat der Cent gesiegt. Längst bekommt man in vielen Geschäften wieder eine Handvoll Münzen als Wechselgeld, das Pappschild mit der Aufschrift "Geehrte Kunden, wir runden" ist von den meisten Ladentheken verschwunden. Es markierte fast zwei Jahre lang eine Bewegung: Kleve als landesweiter Vorreiter gegen Cent-Beträge, die dort auf fünf Cent auf- oder abgerollt werden sollten, sodass Ein- oder Zwei-Cent-Münzen langfristig aus den Kassen und Portemonnaies verschwinden. Doch was in anderen Ländern ganz normal ist, scheint in Deutschland undenkbar.

"Das Thema ist eingeschlafen. Wir versuchen nicht mehr, neue Händler zu gewinnen, sondern überlassen es jedem selbst", sagt Klaus Fischer, Chef eines Klever Modegeschäfts. Fischer klingt betrübt. Er hatte sich damals stark für eine Initiative eingesetzt, für die die Stadt am Niederrhein Anfang Februar 2016 viel Aufmerksamkeit bekommen hatte. Die Idee entstand bei einem Treffen der Klever Einzelhändler. Die Mitarbeiterin einer örtlichen Bank berichtete von dem hohen Aufwand, der durch das Einsammeln und Bereitstellen der Münzen entstehe. Sie schlug vor, es wie im rund zehn Kilometer entfernten Holland zu machen, wo das Auf- und Abrunden von Kleinstbeträgen schon eine Weile üblich ist.

"In einem kleinen Arbeitskreis haben wir dieses Vorhaben dann umgesetzt", erzählt Fischer. Mehr als 200 Händler in der Stadt hätten sie angeschrieben, darunter auch große Ketten. "Als es besonders gut lief, haben knapp 100 Läden mitgemacht", sagt Petra Hendricks vom Stadtmarketing. In der Klever Innenstadt beteiligte sich etwa jeder dritte Laden an der Aktion, mit dabei waren vor allem inhabergeführte Geschäfte.

In Ländern wie Finnland, den Niederlanden, Belgien, Irland gibt es längst Rundungsregeln

Fischer meint, das Auf- und Abrunden mache es leichter für alle: Die Banken müssten das Geld nicht so oft neu rollen, die Händler nicht ständig Münzrollen kaufen und die überschüssigen Münzen zur Bank bringen, und die Kunden könnten sich das Rechnen mit Kleinstbeträgen sparen. "Die Produktion eines Cents ist teurer als der Cent selbst, und ein Großteil dieser Münzen verschwindet in Spardosen und Gullis", sagt Fischer. Die Klever sahen es ähnlich: Laut einer Studie der Hochschule Rhein-Waal, die das Projekt begleitete, hielten 72 Prozent der befragten Bürger die Neuerungen für gut oder sehr gut.

Nach einem Jahr fand die Hochschule jedoch heraus, dass die Kunden im Schnitt draufzahlten, weil häufiger auf- als abgerundet wurde. Wer skeptisch war, konnte sich jederzeit das Wechselgeld auszahlen lassen, da kategorisches Runden in Deutschland nicht zulässig ist. "Ich habe jedem Kunden das System erklärt", erinnert sich Fischer. Das führte zu lästigen Wartezeiten an den Ladenkassen. Zudem hätten einige Händler Bedenken gehabt, abweichende Kassenbestände dem Finanzamt erklären zu müssen, und auch mögliche Vorteile hatte man überschätzt: Laut einer Umfrage der Hochschule bemerkten von 45 Unternehmen nur 18 Prozent einen geringeren Verwaltungsaufwand.

So kehrten nach und nach immer mehr Händler zur bewährten Praxis zurück. Wenn es um ihr Geld geht, bleiben die Deutschen offenbar gerne beim Bewährten. Während mit Finnland, den Niederlanden, Belgien, Irland und seit kurzem Italien immer mehr europäische Länder landesweite Rundungsregeln einführen und auch bargeldloses Bezahlen vielerorts längst üblich ist, wurden in Deutschland 2017 noch drei von vier Einkäufen bar bezahlt. Laut einer Umfrage der Bundesbank wollen 88 Prozent der Bürger am Bargeld festhalten - Cent-Münzen inklusive. "Ich bin felsenfest überzeugt davon: Bargeld wird auch in Zukunft seine Gültigkeit behalten", sagte Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Bundesbank. Jüngst ist sogar der Mitfahrdienst Blablacar zur Barzahlung zurückgekehrt, weil laut Deutschlandchef Jaime Rodriguez die Hälfte aller Fahrer lieber bar bezahlt würde.

Die Klever Initiative gegen das Kleingeld versandet langsam. "Jetzt machen noch etwa zwanzig Händler mit", schätzt Fischer, "auch ich runde weiter." Seine Begeisterung habe aber stark nachgelassen. Trotzdem erzählt er zufrieden, dass viele Bäcker im Umkreis gegen die unnötig krummen Summen vorgegangen seien und die Preise für Brote und Teilchen gerundet hätten. "Die Händler erkennen selbst, dass Münzen unnötig sind", sagt Fischer. "Selbst bei dm enden alle Preise auf fünf oder zehn Cent." Klaus Fischer hat noch Hoffnung. "Ich bin zwar jetzt enttäuscht", sagt er, "aber wenn in fünf Jahren nochmals ein Vorstoß käme, würde ich wieder dafür brennen."