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Bezahlen:Mit Karte, bitte

Geldautomat auf der Roonstraße. Köln, 16.04.2016 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage

Geldautomat auf der Roonstraße in Köln: Der Gang zum Automaten könnte durch die Corona-Pandemie immer seltener werden.

(Foto: Christoph Hardt/imago images/Future Image)

Lichtblicke während der Pandemie: Bargeldloses Bezahlen ist überall im Alltag angekommen - auch in kleineren Geschäften. Das ist in anderen Ländern längst Alltag.

Von Felicitas Wilke

Als Annemarie Traublinger vor drei Jahren in den ersten Filialen der gleichnamigen Bäckerei ein Gerät für Kartenzahlungen installierte, da nutzen es "vielleicht mal fünf Kunden pro Tag", erinnert sie sich. Langsam, aber stetig zahlten mehr Menschen mit Karte, dann kam der erste Lockdown. "Plötzlich hatten wir 300 Prozent mehr Kartenzahlungen." Daraufhin stattete der Familienbetrieb auch die kleineren der insgesamt 22 Filialen in und um München mit Kartenlesegeräten aus.

Wer vor der Pandemie im Geldbeutel vergeblich nach Münzen kramte, konnte noch davon ausgehen, ohne Brot den Heimweg antreten zu müssen. Das hat sich seit dem Frühjahr geändert: Auch in immer mehr kleinen Geschäften wie Bäckereien, Metzgereien oder Blumenläden können Verbraucher inzwischen mit Karte zahlen. Eine Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks zeigte bereits im Mai, dass man inzwischen bei rund sechs von zehn Bäckereien auch mit Karte bezahlen kann. Ein knappes Drittel hat diese Möglichkeit erst im Pandemiejahr geschaffen.

Das Handelsforschungsinstitut EHI prognostiziert, dass 2020 das wachstumsstärkste Jahr für elektronisches Bezahlen in Deutschland seit Beginn der Erhebungen sein wird. Eine Entwicklung, die nicht von ungefähr kommt: Viele Supermarktketten bitten ihre Kundschaft mittels Aushang an der Kasse sogar explizit darum, kontaktlos - sprich: bargeldlos - zu bezahlen.

Mit Bargeld in Berührung zu kommen, erhöht nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zwar nicht das Risiko, sich mit Covid-19 zu infizieren. Doch viele Menschen, sowohl unter den Verkäufern und Kassierern als auch unter den Kunden, scheinen ein besseres Gefühl zu haben, wenn sie so wenig wie möglich anfassen. Erfolgte im Jahr 2019 erst jede vierte Zahlung per Girocard kontaktlos, verzichtete im ersten Halbjahr 2020 schon die Hälfte dieser Kunden darauf, eine Geheimnummer einzugeben oder zu unterschreiben. Diese Entwicklung dürfte voranschreiten, wenn auch nicht mehr mit der gleichen Dynamik, glaubt Oliver Hommel, Experte für Zahlungsverkehr bei der Beratung Accenture. "Viele Menschen haben sich an die Vorteile gewöhnt."

Hinzu kommt: "Die Abneigung gegenüber Kartenzahlung war bei den Händlern schon vor der Corona-Krise deutlich zurückgegangen", sagt Hommel. Dank einer EU-Regelung müssen die Händler seit 2015 nicht mehr so hohe Gebühren pro Kartenzahlung an die kartenausgebende Bank entrichten wie zuvor. Deshalb finden Verbraucher inzwischen auch seltener den Hinweis, dass eine Kartenzahlung erst ab einer bestimmten Summe möglich ist. Zahlt ein Kunde eine einzelne Butterbreze mit der Karte, fallen für den Bäcker allerdings immer noch höhere Kosten an.

Es geht sogar in die andere Richtung: Manche Geschäfte nehmen gar kein Bargeld mehr an

Für die Kunden bedeutet die neue Vielfalt an Bezahlmöglichkeiten eine Wahlfreiheit, die es vorher so nicht gab. Allerdings könnte sie sogar ins andere Extrem münden: Die Bäckereikette Kamps rief im Juni einen "Innovations-Rabatt" in Höhe von drei Prozent für alle Kunden aus, die bargeldlos bezahlen. Die Mehrwertsteuersenkung gab das Unternehmen auf diese Weise nur an Kartenzahlende weiter. Erste Bäcker und Cafébetreiberinnen nehmen sogar schon gar kein Bargeld mehr an.

Was in Deutschland bislang absolute Einzelfälle sind, ist in skandinavischen Metropolen wie Stockholm oder Oslo längst Alltag. Dort weigern sich bereits viele Hotels, Bars und Geschäfte, Münzen und Scheine zu akzeptieren. Auch die Zahl der Geldautomaten nimmt stark ab, bei mancher Bank kostet es Geld, Geld abzuheben. Mit Bürgerinitiativen wehren sich dort Menschen gegen das zunehmende Verschwinden des Bargelds: Sie finden, es brauche weiterhin einfachen Zugang zu einem anonymen Zahlungsmittel.

Deutschland dürfte von Debatten wie diesen noch ein gutes Stück entfernt sein. Erst kürzlich wies Bundesbank-Vorstandsmitglied Johannes Beermann darauf hin, dass Bargeld "das ausfallsicherste Zahlungsmittel" sei und es Münzen und Scheine noch lange geben werde. Auch Fabio Panetta, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), stellte klar, dass die Menschen ihre Zahlungsmethode "frei wählen können" müssten. Das klappt in Deutschland seit Beginn der Corona-Krise jedenfalls öfter als zuvor. Wenn nicht gerade das Wlan ausfällt und damit auch das Kartenlesegerät.

© SZ
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