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Barack Obama in Italien:"Die Leute haben die Politiker, die sie verdienen"

Zum Essen und Reden nach Italien: Barack Obama in Mailand.

(Foto: ANDREAS SOLARO/AFP)
  • Bei seinem ersten Auftritt als ehemaliger US-Präsident außerhalb der USA sprach Barack Obama über Nachhaltigkeit, gute Ernährung und den Klimawandel.
  • Mit der Ankündigung seines Nachfolgers Donald Trump, das Pariser Klima-Abkommen vielleicht revidieren zu wollen, ging er lässig um: Ein Präsident könne die Bewegung für Klimaschutz bremsen, aber nicht aufhalten.

Vor den Aufgang zur großen Halle auf dem Mailänder Messegelände, die für die populären Vorträge reserviert ist, hat der aufmerksame Veranstalter einen rot-weißen Stand gesetzt. Betrieben wird dieser Stand vom Verband der italienischen Konservendosenhersteller. Im Jahr 1856, so geht die Geschichte, sei zum ersten Mal eine Tomate in einer Blechdose eingeschlossen worden, und so habe einer der großen Erfolge der italienischen Küche und der italienischen Exportindustrie begonnen. In der Mitte des Stands thront ein großer Kochtopf, in dem viele Hundert Liter knallroter Soße blubbern. Ein dicker Koch rührt darin mit einem hölzernen Riesenlöffel. "Ihre Majestät, die geschälte Tomate" steht in mächtigen Lettern auf einer Tafel über dem Stand geschrieben. Darunter erhebt sich eine Dosenpyramide. Noch hat sie keiner umgeworfen. Bedürfte es eines Sinnbilds der Nachhaltigkeit oder der sostenibilità - wie es auf Italienisch heißt - in diesen Dosen wäre es gefunden.

Eine andere Majestät hatte dann in der großen Halle ihren Auftritt, und eine Majestät ist sie nach wie vor, obwohl demokratisch gewählt und nunmehr, nach dem Ende von zwei Amtszeiten, sogar ohne Amt: Barack Obama war nach Mailand gekommen, um den ersten öffentlichen Auftritt zu bestreiten, den er als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten außerhalb des eigenen Landes zu absolvieren hatte. Und zur Begeisterung von dreitausend meist zahlenden Gästen sprach er: über sich selbst, gegenwärtig und im Rückblick auf seine Präsidentschaft, über seine Frau und seine Kinder, vor allem aber über den Klimawandel und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Produktion von und den Umgang mit Nahrungsmitteln.

Im Wesentlichen hielt er sich dabei an das Programm der Pariser Klimakonferenz des Jahres 2015: Das Klima, erklärte er, sei die elementare Voraussetzung für alles politische Handeln. Kein Land, so groß oder klein wie auch immer, könne sich seiner Wirkung entziehen. Noch sei es nicht sicher, ob der Klimawandel zu großen Katastrophen führen werde. Den kleineren Katastrophen aber könne man schon nicht entkommen. Barack Obama erzählte von seiner Zuneigung zu Italien, die mit einem "romantischen" Urlaub in der Toskana begonnen habe.

Die Messe heißt "Tuttofood" und ist eine Leistungsschau der italienischen Lebensmittelindustrie: Die Schinken hängen in langen Reihen, die Tintenfische halten eine Tentakelparade ab, Oliven gibt es in Gläsern, Dosen und Eimern. In der Mitte dieser Messe aber regiert eine halb wissenschaftlich, halb ökonomisch orientierte Konferenz, die den Techniken des Umgangs mit Lebensmitteln gewidmet ist. Dass sie sich mit dieser Messe verbindet, ist italienische Wirtschaftspolitik: Sie betreibt die Globalisierung des heimischen Regionalismus bei den Lebensmitteln, und zwar sowohl in Gestalt von landwirtschaftlichen Produkten als auch als ökonomisches Modell - längst ist zum Beispiel die Bewegung "Slow Food" ein internationales Unternehmen. Das Konzept der "Nachhaltigkeit" offenbart in dieser Politik den ganzen Umfang seiner Zweideutigkeit: Es verkörpert zugleich die Sorge um die Haltbarkeit der Bestände und den Anspruch, bei der Gestaltung der Welt mitreden zu wollen, und zwar durchaus auch im eigenen Interesse. Aus der Sympathie für Matteo Renzi, unlängst als italienischer Premier gescheitert, aber schon wieder zurück auf dem Weg an die Macht, machte Barack Obama keinen Hehl.

Obama sagt, die Industrie habe das ökologische Denken längst zur Grundlage ihres Geschäfts gemacht

Der Nachhaltigkeit in diesem Sinne, also als Ideal von Gemeinnutz und als persönliches politisches Programm zugleich verstanden, galt der Vortrag von Barack Obama sowie das sich daran anschließende Gespräch, das er mit Sam Kass führte, seinem ehemaligen Berater in Fragen der Lebensmittelpolitik. In den kommenden Jahren, erklärte Obama, werde er sich im Rahmen einer persönlichen Stiftung um die Förderung junger Führungskräfte kümmern, in Politik, in der Wirtschaft und den Medien.

Mit der Ankündigung seines Nachfolgers Donald Trump, das Pariser Abkommen vielleicht revidieren zu wollen, ging er dabei mit der Lässigkeit eines Menschen um, der Weltgeschichte und Weltgeist in seinem Rücken weiß: Die amerikanische Industrie habe das ökologische Denken längst zur Grundlage ihres Geschäfts gemacht. Ein Präsident könne diese Entwicklung bremsen, aber nicht aufhalten.

Und selbst ein Präsident könne nichts daran ändern, wenn Kalifornien, der größte Markt für Automobile in den Vereinigten Staaten, die zulässigen Werte für Abgase weiter senke. Nur ein Satz fiel, den man für ein wenig provokant hätte halten können: "Die Leute haben die Politiker, die sie verdienen." Dann wurden Bilder aus dem präsidialen Gemüsegarten gezeigt, den Michelle Obama im Park des Weißen Hauses betrieb.

© SZ vom 10.05.2017/vd

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