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Bankrott der Barings Bank:Über die peinlichste Zeit von Nick Leeson

"Reue ist ein viel verwendetes Wort, aber es tut mir wirklich leid", sagt Nick Leeson heute.

(Foto: AFP)

Er trieb eine 200 Jahre alte Bank in die Pleite, und zwar ganz allein: Inzwischen, 18 Jahre später, ist der Spekulant Nick Leeson ein gefragter Mann. Jeder möchte wissen, wie so eine Bankpleite geht. Jetzt hat Leeson ein neues Geschäftsmodell.

Von Katharina Wetzel

Der Saal ist voll, als Nick Leeson mit raschen Schritten zum Rednerpult läuft. Der Moderator hat den einstigen Star-Spekulanten der Barings-Bank als Höhepunkt des Private-Banking-Kongresses in München angekündigt: als jemanden, der eine Bank in die Pleite trieb - und zwar ganz allein. In Zeiten von Banken- und Finanzkrise, in der fast täglich über marode Geldhäuser, Skandale und korrupte Machenschaften in der Presse zu lesen ist, ist Leeson ein gefragter Mann. Jeder möchte da wissen: Wie geht so eine Bankenpleite?

Damals, 1995 war das. Leeson war 27 Jahre alt und innerhalb der Barings-Bank ein aufstrebender Derivatehändler in Singapur. Es war die Zeit, als Banken expandierten. Aufgabe von Leeson war es, Arbitragemöglichkeiten (Preisdifferenzen) zwischen den Kursen des Nikkei 225 an den Börsen von Singapur und Osaka auszunutzen. Doch Leeson nutzte die Derivate nicht, um leichte Kursunterschiede abzugreifen, sondern setzte die Instrumente immer mehr zur Spekulation ein. Anfängliche Verluste konnte er leicht verbergen. So ging er immer riskantere Positionen ein in der Hoffnung, die Verluste ausgleichen zu können. Vergeblich. Am Ende summierten sie sich auf 1,3 Milliarden Pfund. Die 200 Jahre alte Barings-Bank war ruiniert.

In München erzählt Leeson über "die peinlichste Zeit" seines Lebens. Etwa 25 Tage im Jahr ist er als Redner auf Tagungen und Kongressen unterwegs, um immer wieder seine Geschichte zu erzählen. Bücher sind über ihn erschienen, sogar ein Film wurde gedreht. Leeson zeigt mehrere Ausschnitte daraus. Dabei entsteht der Eindruck: Gewinn war das Einzige, was in der Barings-Bank zählte. So lässt sich erklären, warum das damalige Management von den riesigen Verlusten nichts wusste. Denn es war ungewöhnlich, dass Leeson allein mit Arbitragegeschäften stets hohe Gewinne erwirtschaften konnte. Dem Management hätten diese ein Warnsignal sein müssen. Die Verluste soll Leeson auf ein Extra-Konto gebucht haben, mit der Nummer 88888 - die acht gilt im asiatischen Raum als Glückszahl.

Mangelnde Risikokontrollen und eine versagende Bankenaufsicht zählen oft zu den wesentlichen Ursachen von Banken-pleiten. Auch Leeson meint, dass man ihn mit Kontrollen hätte stoppen können. Doch wenn es stimmt, was er sagt, war das Management aufgrund der hohen Gewinne und Boni zu sehr geblendet. So habe eine Führungskraft ihn Ende 1994 noch gefragt, ob er das Geschäftsmodell in Singapur nicht auch in anderen Ländern aufbauen wolle. Die Verluste von Leeson waren zu der Zeit schon immens.

Eine Filmszene, die Nick Leeson einspielt, zeigt, wie der Händler unter seinem Doppelleben gelitten hat. Wie er von der Bank als Star-Händler gefeiert wird und sich gleichzeitig immer mehr in Alkoholexzesse flüchtet und immer öfters übergeben muss.

Leeson verzieht die Mundwinkel, während die Szene läuft. Als der Film gedreht wurde, saß er noch in einem Gefängnis in Singapur. Nach viereinhalb Jahren wurde er, an Krebs erkrankt, frühzeitig entlassen. Im Gefängnis hatte er viel Zeit zum Nachdenken, wie er sagt. Geld sei nicht sein Antrieb gewesen, sondern der Erfolg. Der Sohn einer Krankenschwester und eines Stuckateurs war süchtig danach.

Vor wenigen Tagen hat er sich nun ein weiteres Standbein aufgebaut. Zusammen mit zwei Geschäftspartnern berät er in seiner irischen Heimat überschuldete Privatanleger, die in Not gekommen sind. Da gebe es durchaus Ähnlichkeiten zu seiner Geschichte, meint Leeson. Er habe damals niemanden um Hilfe bitten können. Nun möchte er den verschuldeten Anlegern helfen, auch in komplexen Lagen Lösungen zu finden.

© SZ vom 10.04.2013/mahu

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