Banker im Film:Biographie eines Betrügers: Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street"

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Wie tief es aber wirklich in den Orkus der Verdorbenheit hinabgeht, zeigt der Sprung in die absolute Gegenwart. Nächste Woche läuft Martin Scorseses "The Wolf Of Wall Street" mit Leonardo DiCaprio an und was man in diesem dreistündigen Spektakel zu sehen bekommt, sprengt alle Vorstellungen von Gier, krimineller Energie und Exzess, die man sich bisher von der Finanzwelt gemacht hat. Zu allem Überfluss ist das Ganze auch noch eine (weitgehend) wahre Geschichte: Jordan Belfort, den Protagonisten, gibt es wirklich. In den neunziger Jahren setzte er eine ganze Turnhalle voll aggressiver junger Männer ein, um per Telefon Ramsch-Aktien zu verkloppen, die ihm über Mittelsmänner selbst gehörten. Damit verdienten er und seine Kompagnons Millionen, und sie lebten in Saus und Graus: endlose Sex- und Drogenorgien, sogar im Büro und während der Arbeitszeit, Erniedrigung von Untergebenen, sexuelle Belästigung, absurde Crashs mit Ferraris, Hubschraubern, sogar der Untergang einer Luxusyacht - all das ist mehr oder weniger verbürgt.

Die Haltung des Films ist ungefähr die, die man nach dem Ende aller Imageprobleme hat: Ist der Ruf erst ruiniert... Scorsese und DiCaprio scheinen die Story als rauschhafte Komödie zu sehen, moralische Kritik interessiert sie gar nicht mehr, alle Protagonisten agieren hier so verrückt, dass sie sich permanent selbst entlarven. Jordan Belfort kam in der Realität allerdings relativ billig davon. Er musste nur für 22 Monate in den Knast - und auch dieses Ende erzählt "The Wolf of Wall Street" eher leichtfüßig. Das hat dem Film schon den Vorwurf eingetragen, zynisch zu sein (siehe SZ vom 7. Januar). Tatsächlich ist er aber eine ganz simple, völlig überdrehte Betrugsgeschichte - in seiner schlichten und fröhlichen Verkommenheit fast ein Gegenpol zum schlichten und fröhlichen Idealismus bei Frank Capra.

Finanzhaie, Profitgeier und Heuschrecken als Schlüsselfiguren

Korrekt müsste der Titel jedenfalls "The Wolf of Long Island" lauten. An der echten Wall Street war Jordan Belfort nur ein paar Monate in Ausbildung, sein Proll-Imperium baute er danach in der Provinz auf. Er hat seinen Kunden etwa 200 Millionen aus der Tasche gezogen, aus heutiger Sicht eine lächerlich geringe Summe. Er hat nicht das System ins Wanken gebracht. Verglichen mit den globalen Zerstörungen, die an der echten Wall Street inzwischen angerichtet wurden, und den Billionensummen, die seither vernichtet worden sind, waren seine Taten ein Witz. Der Exzess ist hier dann auch vor allem von Nostalgie durchsetzt. Von der Sehnsucht nach einer Zeit, als ein durchschnittlich intelligenter FBI-Agent die schlimmsten Finanzbetrügereien noch verstehen konnte.

Der Film, der der Wahrheit der Wall Street am nächsten kommt, ist wohl immer noch Oliver Stones "Wall Street". Sein Finanzhai Gordon Gekko, der an reale Vorbilder wie Ivan Boesky angelehnt war, bleibt die Schlüsselfigur, an der auch die echte Wall Street nicht mehr vorbeikommt. In ihm hat sich die Raubritter-Mentalität der Broker und Firmenaufkäufer verdichtet, die bis heute virulent ist - und obwohl der Film diese Mentalität ganz klar verdammt, hat er sie zugleich auch verstärkt und überhaupt erst berühmt gemacht. Gordon Gekko ist der Profitgeier und Firmenzerschlager, das Urbild der Heuschrecke. Am Schluss des Films wandert zwar auch er in den Knast - was seinen popkulturellen Triumphzug allerdings keineswegs aufhalten konnte.

Schurken-Ideologie: "Gier ist gut"

Als Prototyp des gewissenlosen Insiderhändlers kam er weltweit in die Kinos, als die großen Insider-Skandale der Wall Street noch gar nicht passiert waren. Er propagierte eine Form von Exzess, der nur im schlimmsten Erwachen enden konnte, und das erste schlimme Erwachen kam schon kurz nach Drehschluss im großen Crash vom Oktober 1987. Der eher linksgerichtete Filmemacher Oliver Stone bewies hier fast prophetische Qualitäten. Und hat alles darangesetzt, um diesen Schurken so glaubwürdig, so packend, so plausibel wie möglich zu machen - unter anderem in seiner unvergessenen "Gier ist gut"-Rede.

Diese Rede ist noch immer die simpelste, klarste und überzeugendste Zusammenfassung jener Ideologie, die heute gern Neoliberalismus genannt wird. Gordon Gekko konfrontiert die Kinozuschauer mit einer klassischen, aber bis heute hochbrisanten Idee: Dass der Gierige, gerade weil er nur seiner Gier gehorcht, doch etwas Sinnvolles in der Welt bewirkt. Nur sein endloser Hunger kann eine immer unbeweglichere, auf das Erreichte fixierte Gesellschaft überhaupt noch aufrütteln. Und mal ganz ehrlich - hat er nicht zum Teil sogar Recht damit?

Film "Wall Street" als Karrieremotivation für Banker

So sehen es zumindest ganze Generationen von Finanz-Professionals, die öffentlich bekannt haben, dass genau dieser Film - und diese Rede - sie inspiriert und motiviert haben, an der echten Wall Street Karriere zu machen. Was das Image der Broker und Banker angeht, kann man also durchaus von einer Wechselwirkung sprechen, bei der im Übrigen nicht nur das Kino mitmischt. Tom Wolfes Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" von 1987 etwa handelte von einem brillanten und steinreichen Bond-Trader, der ebenfalls einen tiefen Fall erlebt, und prägte den Ausdruck "Masters of the Universe". Auch der ist im Sprachgebrauch präsent geblieben - obwohl die Verfilmung mit Tom Hanks nicht mehr war als ein weichgespülter Flop.

Bleibt die Frage, wer aus dieser Schurkengalerie der Eindrucksvollste ist, der wahre Finanzhai der Hölle. Die Frage führt schnurstracks zu Frank Capra ins Jahr 1946 zurück: George Bailey, der aufrechte Banker aus "Ist das Leben nicht schön?", hatte einen Erzfeind. Der hieß Henry F. Potter, saß im Rollstuhl und nahm als Immobilien-Lord die Ärmsten der Armen aus. Ruchloser hat in der ganzen Filmgeschichte wohl keiner agiert. Was zeigt, dass Hollywood seither keineswegs böser geworden ist, sondern vielleicht nur die Balance zwischen Idealismus uns Zynismus verloren hat - und damit den Rest der Gesellschaft spiegelt. Der hohnlächelnde Potter jedenfalls treibt George Bailey in einer Stunde der Verzweiflung fast in den Selbstmord, als er ihm sagt, dass er "tot mehr wert als lebendig" sei. Nimmt man Baileys Lebensversicherung als Grundlage, wie der eiskalte Rechner Potter es tut - dann ist das finanztechnisch sogar völlig korrekt.

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