Was den Menschen vom Toastbrot unterscheidet, ist seine Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Sie nicht zu wiederholen. Sich für künftige Stürme zu wappnen. Vorkehrungen zu treffen. Warnsysteme zu schaffen.
Wirklich? Wer die jüngste Diskussion über die Lockerung der Vorschriften für Großbanken verfolgt, den beschleichen durchaus Zweifel, ob Mensch und Toastbrot intelligenzmäßig tatsächlich so weit auseinanderliegen. Die letzte Weltfinanzkrise begann vor genau 17 Jahren, sie führte nicht nur zum Kollaps Dutzender Geldhäuser, sondern hatte verheerende Folgen auch für die Staatshaushalte. Die Frage ist nicht, ob es noch einmal zu einem solchen Crash kommen wird, sondern nur wann. Die Regierungen sollten entsprechend alles tun, um sicherzustellen, dass die Banken – anders als 2008 – für den Sturm gerüstet sind.
Das heißt nicht, dass Politiker nicht auch im Finanzsektor Bürokratie abbauen und unnötige staatliche Geschäftshindernisse beseitigen dürfen. Eine große Liberalisierungsoffensive, wie US-Präsident Donald Trump und die von ihm ernannte Bankenaufseherin Michelle Bowman sie jetzt planen, ist aber das Gegenteil dessen, was notwendig ist. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil spricht zu Recht von einem „Deregulierungswahn“, den man „nicht mitmachen“ werde.
Tatsächlich könnte der Zeitpunkt für eine generelle Lockerung der Kapitalvorschriften schlechter nicht sein. Die weltwirtschaftliche Lage ist fragil wie selten, die Staatsschulden schießen in die Höhe, zugleich explodieren an den Börsen die Kurse aller Tech-Konzerne, die den Begriff „künstliche Intelligenz“ auch nur buchstabieren können. Die langjährige IWF-Chefvolkswirtin Gita Gopinath fürchtet, dass hier eine Blase entsteht, die platzen und Vermögenswerte in einem schier unvorstellbaren Umfang von 35 Billionen Dollar vernichten könnte.
Auch deutsche Bankenmanager lassen sich von Trumps Lockerungen beeindrucken
Ein weiterer potenzieller Krisenherd sind sogenannte Schattenbanken, Firmen also, die in großem Stil Geldgeschäfte tätigen, aber kaum beaufsichtigt werden. Laut IWF haben reguläre Kreditinstitute insgesamt 4,5 Billionen Dollar an solche Schattenbanken verliehen, jede Krise dort käme also umgehend auch im offiziellen Banksektor an. Die Pleite des US-Autofinanzierers Tricolor hat gerade erst gezeigt, wie real die Gefahr ist. Dass die Geldhäuser dies- und jenseits des Atlantiks ähnliche Fälle zuletzt weitgehend unbeschadet überstanden haben – den Zusammenbruch der Silicon Valley Bank 2023 etwa –, zeigt, wie wichtig es war, dass die Eigenkapitalanforderungen an die Institute nach der Krise von 2008 massiv verschärft worden waren.
Warum um alles in der Welt also will Trump die Regeln nun schleifen? Wahrscheinlich ist schon die Frage falsch gestellt, denn sie legt nahe, dass es eine logische Antwort gäbe. Die Realität ist wohl simpler. Vermutlich ist es für Trump bereits Motiv genug, dass die geltenden Vorschriften maßgeblich von seinen verhassten Vorgängern Barack Obama und Joe Biden mitgestaltet wurden. Zudem würde eine einseitige Lockerung der Regeln den US-Banken einen Vorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz verschaffen – zumindest so lange, wie nichts schiefgeht. Es ist der alte Nach-mir-die-Sintflut-Ansatz, den Trump etwa auch in der Klimapolitik verfolgt.
Dass den deutschen Bank-Oberen Christian Sewing (Deutsche Bank) und Bettina Orlopp (Commerzbank) nicht mehr einfällt, als nun ebenfalls reflexartig mehr Beinfreiheit zu fordern, setzt dem traurigen Schauspiel noch die Krone auf. Gerade Orlopp sollte hier ganz leise sein, denn sie führt ein Institut, das in der letzten großen Krise mit dem Rücken zur Wand stand, bis heute mit Steuergeld gestützt und gerade vom Staat vor einer Übernahme durch den italienischen Finanzkonzern Unicredit bewahrt wird.
Ansonsten gilt, was Bundesbankchef Joachim Nagel mit Blick auf die Deregulierungsagenda des US-Präsidenten gesagt hat: Die Verschärfung der Regeln nach 2008 sei der maßgebliche Grund dafür, dass die Geldhäuser heute viel robuster aufgestellt seien als damals. Das aufzugeben, sei „aberwitzig“. So ist es.


