Süddeutsche Zeitung

Bankenkrise:Schuld sind immer die anderen

Lesezeit: 4 min

Vor dem US-Kongress müssen sich die Chefs der Regionalbanken für die größte Bankenkrise seit 2008 rechtfertigen. Sie weisen jede Verantwortung von sich.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Schon in der Finanzkrise vor 15 Jahren mussten sich die Chefs der großen Wall-Street-Banken stundenlang vom Finanzausschuss des Kongresses befragen lassen. Die Sitzungen wurden live übertragen und befriedigten so auch ein Informationsbedürfnis der geprellten Steuerzahler. Es war eine demokratische Transparenzoffensive, wie sie in Deutschland - gegen den Willen der beiden Volksparteien - wohl kaum durchzusetzen wäre, was etwa der Untersuchungsausschuss zu Wirecard gezeigt hat, der hinter verschlossenen Türen tagte.

In dieser Woche nun mussten sich die Chefs von US-Regionalbanken erstmals öffentlich zum Zusammenbruch mehrerer Geldhäuser im März äußern: der frühere Chef der Silicon Valley Bank (SVB), Greg Becker, aber auch Michael Roffler, der die Bank First Republic geführt hatte. Reumütig zeigten sich keiner von beiden: Die Aufsichtsbehörden, die Medien, sogar die eigenen Kunden: Sie alle seien schuld, nur nicht sie selbst. Becker rechtfertigte sich sogar dafür, dass er noch kurz vor der Pleite für 3,6 Millionen Dollar Aktien der Bank verkauft hat. Man sei "in einen Strudel der Entwicklung geraten", sagte Roffler. Was aber sind die Ursachen für die Krise und welche Folgen hat sie auch für Europa? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was ist passiert?

Wohl den wenigsten Menschen hierzulande waren jene US-Regionalbanken ein Begriff, die gerade die schwerste Bankenkrise seit der Finanzkrise 2008 ausgelöst haben mit Folgen bis nach Europa: Ende März wurde davon auch die Schweizer Credit Suisse erfasst; die Großbank war bereits angeschlagen und musste von ihrem Konkurrenten UBS und staatlichen Garantien aufgefangen werden, nachdem der Aktienkurs massiv eingebrochen war und Kunden immer mehr Geld abgezogen hatten. Ihren Anfang genommen hat die Regionalbankenkrise Anfang März mit dem Kollaps der Silicon Valley Bank, immerhin auf Platz 16 der nach Bilanzsumme größten Banken der USA. Zugleich erwischte es auch Silvergate und First Republic - innerhalb von fünf Tagen musste die Einlagensicherung in den USA drei mittelgroße Banken schließen und die US-Regierung eine Garantie für die Spareinleger aussprechen. Kurz darauf gerieten weitere Regionalbanken unter Beobachtung, Anleger zogen Geld ab, die Aktienkurse brachen ein. In den vergangenen Tagen hat sich die Lage beruhigt. Die Frage ist, ob das von Dauer ist.

Was sind die Ursachen für die Krise?

Auslöser ist die Zinswende: Die Zentralbanken haben seit Anfang 2022 massiv die Zinsen erhöht, was den Wert von Staatsanleihen oder Hypotheken mit festen Zinssätzen deutlich sinken ließ. Wichtig zu wissen: Banken haben nie die gesamten Kundeneinlagen im Tresor, sondern legen diese in länger laufende Wertpapiere oder Kredite an. Die Silicon Valley Bank war zuvor mit ihren Start-up-Kunden massiv gewachsen und hatte daher viel in Staatsanleihen investiert. Als die Zinsen stiegen und zugleich Gerüchte von einer Schieflage die Runde machten, begannen plötzlich viele Start-ups ihr Geld abzuziehen. Angesichts des Ansturms musste die Bank die Vermögenswerte nun mit Verlust verkaufen - und weil sich ihre Lage verschlimmerte, wurden noch mehr Kunden misstrauisch und zogen Einlagen ab. Kommen Banken erst einmal ins Gerede, können sie eine solche Dynamik kaum stoppen. Die Silvergate Bank und die Signature Bank hingegen waren beide stark in Kryptowährungen investiert und scheiterten wegen der Turbulenzen auf diesem Markt. Auch dort zogen Anleger ihr Geld ab. Als ein weiteres Problem gilt aber, dass die US-Regionalbanken massiv Kredite für US-Gewerbeimmobilien vergeben haben - dort fallen die Preise, unter anderem, weil viele Firmen ihre Büros nach Corona nicht mehr benötigen. Regionalbanken halten laut der Investmentbank Goldman Sachs rund 80 Prozent dieser Kredite in ihren Büchern. Je nach Definition gibt es ungefähr 30 bis 40 Regionalbanken in den USA. Viele sind in den 1980er-Jahren gegründet worden.

Wo war die Bankenaufsicht?

Es ist kaum zu glauben nach dem Schwur nach der Finanzkrise, Banken künftig strenger zu regulieren: Aber die US-Regionalbanken operierten gewissermaßen im toten Winkel der Aufsicht. Die Trump-Regierung hatte Institute mit einem Bilanzvolumen von bis zu 250 Milliarden Dollar von wichtigen Liquiditätsvorschriften befreit, außerdem wurden sie von Stresstests verschont. Zudem hatten einige Geldhäuser teils noch nicht mal einen Risikochef. Tatsächlich hatten sich die Regionalbanken erfolgreich dafür eingesetzt, kleinere Banken wie die SVB zu verschonen: Sie hätten ein ungefährliches Geschäftsmodell und könnten bei strenger Regulierung eben keine Firmen mehr finanzieren, die Arbeitsplätze schaffen. Als Konsequenz erwägt die Notenbank Federal Reserve nun strengere Regeln für Geldhäuser mit Aktiva von mehr als 100 Milliarden Dollar. Nicht nur das: In einem Brief an die Börsenaufsicht SEC drängte die American Bankers Association die staatlichen Aufseher auch, Spekulationen auf fallende Aktienkurse der Banken zu verbieten.

Gibt es Gewinner der Krise?

Profiteure der Krise sind wohl die US-Großbanken, denen ein Teil der Einleger-Gelder zufloss, allen voran der Bankenriese JP Morgan unter Führung von Vorstandschef Jamie Dimon. Er übernahm kürzlich die First Republic. Kurzfristig war das eine günstige Lösung für die US-Einlagensicherung. Mittelfristig aber könnte sich die Strategie rächen. JP Morgan gilt zwar als gut geführt, ist aber bereits jetzt eine enorm große Bank. Würde sie scheitern, hätte das verheerende Auswirkungen.

Hat die Krise Folgen für Europa?

Um eine Ausweitung der Bankenkrise zu verhindern, hatte die Federal Reserve zunächst auch eine Einlagengarantie für die Silicon Valley Bank und die Signature Bank abgegeben. Durch staatlich regulierte Einlagensicherung sind bei anderen Banken aber nur Guthaben bis 250 000 Dollar abgesichert, weswegen viele Kunden weiter Geld abzogen. Als Lehre aus den jüngsten Bankenturbulenzen in den USA dringt nun etwa Luis de Guindos, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, auf einen grenzübergreifenden Schutz der Gelder von Bankkunden in Europa. "Die Krise der US-Regionalbanken hat uns wachgerüttelt: Wir haben gesehen, wie sich die Marktstimmung abrupt ändern kann", sagte de Guindos der italienischen Tageszeitung Il Sole 24 Ore. Zwar sei die Lage in Europa anders, dennoch habe sich gezeigt, dass zum Beispiel soziale Netzwerke dazu beitragen könnten, dass es schnell zu einem Ansturm auf Geldhäuser komme. Daher sei eine gemeinsame europäische Einlagensicherung (kurz: Edis) "zwingend erforderlich", sagte de Guindos. "Eine unvollständige Bankenunion könnte sich am Ende als eine der größten Schwachstellen erweisen, die wir haben. Ich würde sogar sagen, dass das Fehlen von Edis die größte Schwachstelle für das europäische Bankensystem ist."

Eine gemeinsame europäische Einlagensicherung (Edis) sollte Bank Runs verhindern, vor allem in Staaten mit schwacher Finanzkraft. Doch bislang gibt es erst die seit 2015 gesetzlich vorgeschriebenen nationalen Töpfe zur Einlagensicherung, keine europäischen. Nach Meinung der Edis-Befürworter reicht das nicht aus - die Bundesregierung ist jedoch dagegen.

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