Finanzberatung:Der Koalitionsvertrag ist auch ein Erfolg für die Bankenlobby

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Skyline von Frankfurt

In den Banktürmen in Frankfurt sahen einige der neuen Ampel-Koalition in Berlin mit Sorge entgegen.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Aufatmen bei den Finanzverbänden: Die Ampelkoalition plant nun doch keine Stärkung der Honorarberatung. Verbraucherschützer kritisieren die Entscheidung.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Glaubt man Finanz-Lobbyisten, dann bricht in der Regel die Welt zusammen, wenn ihre Forderungen nicht erhört werden; der Mittelstand bekommt keinen Kredit mehr, die Sparer gehen bei der Anlageberatung leer aus. Als unlängst bekannt wurde, dass es eine Forderung der Grünen, die Geldanlageberatung anders zu organisieren und die provisionsbasierte Beratung durch eine Honorarberatung zu ersetzen, doch tatsächlich in ein Ampel-Positionspapier geschafft hatte, muss die Aufregung bei den Bankenverbänden groß gewesen sein. Die Sache würde "große Teile der Bevölkerung vom Zugang zu guter Beratung ausschließen" und sei deshalb unsolidarisch, wetterte Sparkassenpräsident Helmut Schleweis. Die Volks- und Raiffeisenbanken warnten vor einer gravierenden Benachteiligung "breiter Bevölkerungskreise". Zur Unterfütterung veröffentlichten die Verbände rasch noch eine Studie von KPMG, wonach vor allem Verbraucher mit geringen und mittleren Anlagebeträgen durch die Honorarberatung von der Beratung regelrecht "abgeschnitten würden".

Die Mühe hat sich gelohnt: Im Koalitionsvertrag jedenfalls findet sich das Thema nun nicht mehr wieder - womöglich hat sich FDP durchgesetzt, die alles so belassen wollte, wie es ist. "Es ist wirklich bemerkenswert, wie mächtig die Bankenlobby immer noch ist", sagt ein früherer Bankchef, der nicht genannt werden wollte. Allen voran die Sparkassen hätten dank ihrer Vernetzung in den Kommunen Zugang zu wirklich allen Parteien.

Für die Banken sind Provisionen eine wichtige Einnahmequelle

Für die Finanzbranche wäre der Schritt revolutionär gewesen. Schließlich ging es darum, die provisionsbasierte Beratung von Privatanlegern durch unabhängige Honorarberatung ersetzen. Die Niederlande, die nordischen Länder und Großbritannien haben so ein Verbot längst und gute Erfahrungen damit. In Deutschland aber leben große Vertriebsorganisationen von hohen Provisionen, welche sie auf die Kunden umlegen. Bei Lebensversicherungen oder Wertpapierfonds geht es oft um fünf oder sechs Prozent der insgesamt vom Kunden zu leistenden Beiträge. Das können mehrere Tausend Euro pro Vertrag sein. Die Folge: weniger Rendite und eine schlechtere Altersvorsorge.

Jedes Jahr zahlen die deutschen Lebensversicherer rund sieben Milliarden Euro an Abschlusskosten für Vermittler, 2020 waren es 7,5 Milliarden Euro - und stellen diese Summe ihren Kunden in Rechnung. Auch für die Banken sind Provisionen eine wichtige Einnahmequelle - auch zum Unterhalt ihres üppigen Filialnetzes. Laut einer Studie des Analysehauses Barkow Consulting sinkt der Anteil des Zinsergebnisses am Gesamtertrag deutscher Banken seit Jahren. Umgekehrt ist der Anteil der Provisionen auf 27 Prozent angestiegen. Bei der Honorarberatung zahlt der Kunde den Berater, so wie Steuerberater oder Anwälte. Allerdings spielt die Honorarberatung angesichts der Konkurrenz durch die vermeintlich "kostenlosen" Provisionsvertriebe kaum eine Rolle.

Verbraucherschützer setzen sich seit Jahren für die Honorarberatung ein. Was die Sparkassen Beratungsgespräch nennen würden, sei in Wirklichkeit ein Verkaufsgespräch, schrieb Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg auf Twitter. Es sei Unsinn, die Honorarberatung als unsolidarisch zu bezeichnen. Honorare seien frei verhandelbar und könnten je nach Einkommen gestaffelt werden. Auch Gerhard Schick von der Bürgerbewegung Finanzwende hält die Argumente der Banken für vorgeschoben: In der Praxis würden auch Verbraucher "mit kleinem Geldbeutel" zuweilen vierstellige Summen für eine Lebensversicherung bezahlen müssen.

Auch jenseits der Finanzberatung fanden die Banken-Verbände offenbar Gehör bei der Ampel-Koalition: So soll auch das Drei-Säulen-Modell, welches mit einem hohen Anteil staatsnaher Banken einhergeht, nicht angefasst werden, was die Sparkassen begrüßten. Auch die im Zuge der Corona-Pandemie eingeführten Erleichterungen bei den Eigenkapitalregeln könnten beibehalten werden. Ebenso vom Tisch ist eine "echte" europäische Einlagensicherung, womit eine weitere Forderung von Sparkassen und Volksbanken erfüllt wäre. Immerhin die Anbieter von Restschuldversicherungen müssen sich auf Veränderungen gefasst machen. Der Verkauf dieser umstrittenen Produkte soll entkoppelt werden, was ihren Vertrieb erschweren dürfte.

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