Spanien Die Bankenkrise ist noch längst nicht überwunden

Die spanische Flagge weht in Madrid auf dem Dach der Zentralbank. Das Institut sieht die Lage der spanischen Banken kritisch.

(Foto: Antonio Heredia/Bloomberg)
  • Vor zehn Jahren ist die Immobilienblase in Frankreich geplatzt, was auch zu einer Krise im Bankensektor führte.
  • Die spanischen Banken haben laut der Nationalbank immer noch faule Kredite im Wert von 72 Millionen Euro.
  • Das ist deutlich weniger als zum Ende des Sanierungsprogramms - es birgt aber weiterhin Gefahren.
Von Thomas Urban

Es ist ein Jahrestag, den niemand in Spanien feiern möchte: Vor zehn Jahren beschloss die Regierung in Madrid, den Fonds zur geordneten Restrukturierung des Bankensektors, abgekürzt FROB, einzurichten. Wenig später nahm er seine Arbeit auf, ausgestattet mit neun Milliarden Euro. Bald zeigte sich, dass diese Summe viel zu gering angesetzt war. Die Experten des damaligen sozialistischen Premierministers José Luis Zapatero hatten nicht begriffen, dass nach dem Platzen einer gigantischen Immobilienblase zur Jahreswende 2007/08 der gesamte spanische Bankensektor in eine bedrohliche Schieflage geraten war. Zapatero setzte auf falsche Gegenmaßnahmen, nämlich ein milliardenschweres Konjunkturprogramm, das wirkungslos verpuffte. Ende 2011 wurde er abgewählt, nachdem ihn die EU zu Haushaltskürzungen gedrängt hatte; die Mehrheit der Wähler gab vor allem ihm die Schuld an der Krise. Seinem konservativen Nachfolger Mariano Rajoy gelang es mit einem harten Sparprogramm und Strukturreformen, die Rezession zu überwinden, Spanien wurde zur Konjunkturlokomotive in der Eurozone. Nach einer drastischen Schrumpfkur schien sich auch der Bankensektor stabilisiert zu haben.

Doch Grund zum Feiern aus Anlass des bevorstehenden zehnten Geburtstags des Bankenrettungsfonds FROB gibt es kaum. Vielmehr hat die Nationalbank in Madrid nun wenig erbauliche Zahlen vorgelegt: Das Gesamtvolumen der faulen Kredite aller spanischen Banken beläuft sich demnach immer noch auf mindestens 72 Milliarden Euro. Das ist mehr als der aktuelle Börsenwert des größten Geldhauses des Landes, Santander (69,4 Milliarden), und knapp mehr als doppelt so viel wie bei der Nummer zwei, BBVA in Bilbao. Als Ende 2013 das Sanierungsprogramm Rajoys in Kraft trat, wurde die Summe der gefährdeten Kredite noch mit 130 Milliarden veranschlagt. Die Banken haben also beträchtliche Anstrengungen unternommen, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen, aber nach Auffassung der Nationalbank noch nicht genug.

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Die zweite unerfreuliche Nachricht kommt von der Börse in Madrid: Im vergangenen Jahr sind die Aktienkurse der acht größten Banken ausnahmslos nach unten gegangen, im Durchschnitt um 21 Prozent; sie haben zusammen 50,8 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Auch bei den beiden Großbanken Santander und BBVA ging es mit einem Minus von 34 und 27 Prozent kräftig bergab; ihre Probleme vor allem in Lateinamerika und der Türkei schlugen auf die Bilanzen durch. Dazwischen lag das Dauersorgenkind Bankia mit 31 Prozent. Wurde die Bankia-Aktie Ende 2014 noch für sechs Euro gehandelt, so war sie Ende 2018 für 2,50 Euro zu haben, Tendenz fallend. Bankia ist das Ergebnis der Verstaatlichung und Fusion von sieben regionalen Sparkassen, die sich alle mit Immobilienkrediten verspekuliert hatten, im Jahr 2010. Erster Vorstandschef wurde Rodrigo Rato, vor 20 Jahren viel gepriesener Superminister der damaligen konservativen Regierung, der anschließend als Chef des IWF die Gefahr einer globalen Finanzkrise nicht erkannte. Rato scheiterte bei Bankia, bekam trotzdem bei seinem Abgang nach knapp zwei Jahren eine Millionenabfindung, womit er einen Sturm der Entrüstung auslöste. Bankia musste mit 21 Milliarden Euro vom Staat gerettet werden. Insgesamt flossen 40 Milliarden, für die die EU garantierte, in die Stabilisierung des spanischen Bankensektors.

Derzeit findet in Madrid ein Strafprozess über den Börsengang von Bankia im Jahr 2011 statt. Der oberste Gerichtshof hatte bereits 2016 festgestellt, dass die Prospekte für den Börsengang grob manipulierte Angaben enthielten. Nun soll ausgelotet werden, wer dafür verantwortlich war. Einer der damaligen Abteilungsleiter machte Schlagzeilen mit der Aussage: "Da wurde eine Leiche auf lebendig geschminkt." Nach dem bisherigen Stand des Verfahrens hat die Leitung der Nationalbank den Börsengang gegen den Rat der eigenen Experten abgesegnet. Angesichts der Unsicherheit über zu erwartende Entschädigungszahlungen für Anleger wurde die Frist für die letzten Etappen der in Tranchen erfolgenden Privatisierung von Bankia auf Ende 2021 verlängert.

Die dritte unerquickliche Nachricht: Die spanische Bad Bank Sareb, an der der Staat über den FROB 45 Prozent der Anteile hält, wird die Immobilien und Hypothekenverträge, die sie von zusammengebrochenen Regionalbanken übernommen hat, nur schleppend los. Milliarden werden wohl zu Lasten des Steuerzahlers abgeschrieben werden müssen. Einen Bruchteil davon, nämlich 600 Millionen Euro, möchte der FROB als Nebenkläger im derzeitigen Prozess gegen die Manager der zu Beginn der Krise havarierten Banco Valencia hereinholen. 64 Personen sind angeklagt, darunter eine Reihe von Regionalpolitikern.

Die Manager der Banco Valencia haben im Rausch des Baubooms, als die Immobilienpreise immer weiter stiegen, Riesenkredite aufgenommen. Nach dem Platzen der Blase zeigte sich, dass sie bei einer Bilanzsumme von 22 Milliarden Euro rund sechs Milliarden grob fahrlässig verspekuliert, dabei aber auch Millionen für sich selbst abgezweigt hatten. Die Staatsanwaltschaft fordert für alle zusammen 300 Jahre Gefängnis. Sollten die Richter den Anträgen folgen, so wäre es das erste Urteil gegen die gesamte Führungsriege einer Bank, mehr als ein Jahrzehnt, nachdem die große Sause im spanischen Finanzsektor abrupt geendet war.

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Allerdings bezweifeln Rechtsexperten, ob es so weit kommt, weil eine strafbare grobe Fahrlässigkeit schwierig nachzuweisen ist. Der größte Pleitier unter den spanischen Bankiers, Miguel Blesa, der großspurige Vorstandsvorsitzende der zusammengebrochenen Caja Madrid, wurde wegen Nebensächlichkeiten zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt: Er hatte "schwarze Kreditkarten" für den Vorstand und Aufsichtsrat auf Kosten der Anleger ausgegeben, die Ausgaben für Privatkonsum wurden als "Computerfehler" verbucht. Blesa hat sich 2017 erschossen, offenbar nachdem sich seine Hoffnungen auf eine Haftverschonung zerschlagen hatten. Rodrigo Rato wurde im selben Verfahren zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Nationalbank wartete mit weiteren Zahlen über die zehn Jahre auf, die seit dem Beschluss über die Gründung des FROB vergangen sind: Die Zahl der Banken ist von 45 auf 13 geschrumpft. Analysten meinen, dass bestenfalls sieben von ihnen Chancen hätten, sich mittelfristig zu behaupten. Es wird also mit weiteren Fusionen gerechnet. Vor der Krise war Spanien das Land mit den meisten Bankfilialen im Verhältnis zur Bevölkerung innerhalb der EU, es waren um die 45 000. Etwa 20 000 davon wurden geschlossen, allein in der Drei-Millionen-Stadt Madrid 1500, in dem nur halb so viele Einwohner zählenden Barcelona 1200. Somit wurden auch Zehntausende von Bankangestellten arbeitslos. Eines aber hat sich durch die Krise nicht geändert: Die Gehälter der Vorstandsmitglieder spanischer Banken sind im Verhältnis zu den Bilanzsummen die höchsten in der gesamten Eurozone geblieben.

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