Banken:Die Ära der Negativzinsen geht zu Ende

Lesezeit: 3 min

Banken: "Wir haben als eine der letzten Banken ein Verwahrentgelt eingeführt und schaffen es als eine der ersten quasi wieder ab", wirbt ING-Deutschlandchef Nick Jue.

"Wir haben als eine der letzten Banken ein Verwahrentgelt eingeführt und schaffen es als eine der ersten quasi wieder ab", wirbt ING-Deutschlandchef Nick Jue.

(Foto: Sepp Spiegl/imago)

Die ING Deutschland schafft für einen Großteil ihrer Privatkunden die Verwahrentgelte ab. Das Beispiel könnte Schule machen.

Von Meike Schreiber , Frankfurt

War es nur ein Marketing-Gag oder vielmehr ein Signal an die gesamte Banken-Branche und damit wohl eine erfreuliche Nachricht für die Sparer in Deutschland? Womöglich eher Letzteres, denn die Entscheidung der ING Deutschland nun die Negativzinsen für einen Großteil ihrer Privatkunden sowie sogar für Neukunden abzuschaffen, dürfte bald Nachahmer finden: Zum 1. Juli und damit wahrscheinlich noch vor der ebenfalls für Juli erwarteten Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) erhöht die Tochter der niederländischen Bank die Freibeträge für Guthaben auf Giro- und Tagesgeldkonten, für die also kein Verwahrentgelt fällig wird, von derzeit 50 000 auf 500 000 Euro pro Konto, wie das Institut mitteilte. Die ING Deutschland gebe damit die positive Zinsentwicklung auf den Kapitalmärkten frühzeitig an ihre Kundinnen und Kunden weiter, hieß es bei der Bank.

Während Zeitpunkt und Ausmaß der EZB-Zinsentscheidung noch unsicher sind, sind die Kapitalmarktzinsen bereits seit Dezember deutlich gestiegen. "Wir haben als eine der letzten Banken ein Verwahrentgelt eingeführt und schaffen es als eine der ersten quasi wieder ab", sagte Nick Jue, Vorstandschef der ING in Deutschland. Mit der Erhöhung des Freibetrags für Guthaben auf dem Giro- und Extra-Konto entfalle das Verwahrentgelt für 99,9 Prozent unserer Kundinnen und Kunden, sagte er. Bereits Ende April hatte die deutlich kleinere Oldenburgische Landesbank angekündigt, die Freigrenzen für private Kunden anzuheben. Beim Girokontomodell M beispielsweise kletterte die Grenze von 500 000 Euro auf eine Million Euro, beim Modell XL von 500 000 Euro auf fünf Millionen Euro.

Für manche Bank erwiesen sich die Negativzinsen als gutes Geschäft

Zuletzt hatten zwar auch einige große Banken und Sparkassen angekündigt, die Negativzinsen spätestens dann abzuschaffen, wenn die die EZB ihre Zinspolitik ändert. Womöglich aber hatte das ein oder andere Geldinstitut noch gehofft, die Negativzinsen auch noch etwas länger zu kassieren, selbst wenn die EZB die Zinsen im Juli erhöht. Nicht nur die Deutsche Bank hatte festgestellt, dass Negativzinsen durchaus ein gutes Geschäft sein können, gerade auch mit Firmenkunden. Das größte deutsche Geldhaus hat vergangenes Jahr 489 Millionen Euro Ertrag aus den "Entgelten" erwirtschaftet, davon 44 Millionen Euro im Privatkundengeschäft.

Der Konkurrenzdruck dürfte nun aber eventuelle Hoffnungen zunichtegemacht haben, diesen Ertragsstrom noch weiter zu melken: Die ING hat hierzulande erhebliche Marktmacht mit insgesamt neun Millionen Privatkunden. Banken, die an Negativzinsen festhalten, würden zwangsläufig Spargelder in großen Mengen verlieren, was angesichts steigender Zinsen plötzlich wieder ein Nachteil für die Banken wäre. "Wenn es das Ansinnen der ING Diba gewesen sein sollte, die Konkurrenz zu schocken, dann ist ihr das gelungen", schrieb das Fachportal Finanz-Szene.

Die Deutsche Bank teilte mit, man werde das "Entgelt" kurzfristig "anpassen", wenn die EZB den Satz der Einlagenfazilität ändere. Falls der Negativzins bei der Zentralbank wegfalle, werde man "vollständig auf die Erhebung eines Verwahrentgelts verzichten". Ähnlich äußerten sich einige Sparkassen. Bei der Commerzbank hieß es indes nur, man werde "reagieren, wenn sich die steigenden Zinsen als nachhaltig erweisen".

Mehr als 400 Banken forderten ein Verwahrentgelt

Für viele Sparer in Deutschland - die inzwischen ja auch mit der vergleichsweise hohen Inflation zu kämpfen haben - wäre dies das Ende einer schmerzvollen Ära: Vor nunmehr acht Jahren hatte die EZB erstmals einen negativen Zins von Geschäftsbanken erhoben, die kurzfristig bei ihr Geld parken. Ziel war es die Kreditvergabe und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Seitdem ist der Negativzins in der Welt, der auch Strafzins oder Verwahrentgelt genannt wird. Derzeit liegt er bei minus 0,5 Prozent. Zunächst gaben die meisten Banken den Negativzins nur an sehr vermögende Kunden und Firmen weiter. Im Laufe der Jahre kassierten sie den Zins aber zunehmend auch von normalen Privatkunden und stellten damit die Welt der Geldanlage quasi auf den Kopf.

Zuletzt hatten laut dem Finanzportal biallo.de mehr als 400 Kreditinstitute Negativzinsen eingeführt, falls Kunden ein neues Giro- oder Tagesgeldkonto bei ihnen eröffnen wollen. Häufig gibt es dabei einen Freibetrag von 100 000 Euro, auf den keine negativen Zinsen erhoben werden, doch auch 50 000, 20 000 oder sogar 0 Euro sind üblich. Der jüngste Trend war sogar, dass Banken Strafzinsen auch für bestehende Konten berechnen. Da sie diese aus juristischen Gründen nicht einfach einführen dürfen, ließen sie die Kunden dazu eine individuelle Vereinbarung unterschreiben. Die Frage, ob Banken Negativzinsen auf ganz normale Girokonto-Guthaben verlangen dürfen, ist seither sogar Gegenstand mehrerer Gerichtsverfahren.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB