bedeckt München 22°

Kommentar:Ende der Schonzeit

Harald Freiberger, 16:9
(Foto: Bernd Schifferdecker)

Banken und Sparkassen belasten jetzt auch ihre treuen Kunden mit Negativzinsen. Das ist ein großes Risiko für sie.

Von Harald Freiberger

Der Ruf von Banken war noch nie der beste. Sie leihen dir einen Schirm, wenn die Sonne scheint, doch wenn es zu regnen anfängt, wollen sie ihn zurückhaben. Das ist so ein Spruch, zugespitzt, ein wenig böse, doch er enthält auch ein Körnchen Wahrheit. Es gibt viele Menschen, die unangenehme Erfahrungen gemacht haben mit Banken, ob mit überhöhten Gebühren, mit überteuerten Anlageempfehlungen oder mit rigorosen Kreditbedingungen.

Gerade in diesen Wochen sind die Banken dabei, ihrem Image weiter zu schaden. Es geht um den Negativzins, jener bedauernswerten Begleiterscheinung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank. Um die Kreditvergabe und damit die Wirtschaft anzukurbeln, hält die EZB den Zinssatz für kurzfristig bei ihr geparktes Geld von Banken nun schon seit sieben Jahren im negativen Bereich.

Die Aufregung darüber in der Bevölkerung war groß. Trotzdem schafften es die Banken bisher weitgehend, normale Kunden von den Minuszinsen zu verschonen. Belastet wurden überwiegend Unternehmen, Kommunen oder Privatiers, die sehr viel Geld auf Giro- oder Tagesgeldkonten parkten. Dafür konnte man noch Verständnis aufbringen, schließlich müssen die Institute selbst auch einen Negativzins an die Zentralbank zahlen.

Nun aber ist für Sparer die Schonzeit zu Ende. Immer mehr Banken und Sparkassen geben den Strafzins an die breite Kundschaft weiter. Seit Anfang des Jahres registrieren Finanzportale geradezu eine Welle. Schon jedes dritte Institut hat Negativzinsen auf neue Giro- und Tagesgeldkonten eingeführt. Die Geldhäuser wollen so verhindern, dass sie mit noch mehr Einlagen überhäuft werden.

Das ist rabiat: Wer nicht unterschreibt, muss mit Kündigung rechnen

Der neueste Trend ist, dass die Kreditinstitute nicht nur versuchen, fremde Kunden abzuschrecken, sondern auch, ihre alten, treuen Kunden mit Negativzinsen zu belasten. Die Postbank, viele Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken verschicken gerade massenhaft sogenannte individuelle Vereinbarungen, mit denen sie die Kunden zwingen zuzustimmen. Wer es nicht tut, muss mit Kündigung rechnen.

Nicht in jedem Fall muss das für die Kunden eine Katastrophe sein. Es gibt weiter Banken, die dabei großzügige Freibeträge einräumen, sodass zum Beispiel nur Erspartes von mehr als 100 000 Euro belastet wird. Doch es mehren sich auch die Fälle, bei denen die Freibeträge immer weiter zusammenschmelzen, auf 25 000 oder 10 000 Euro. Und es wurden sogar einzelne Fälle bekannt, in denen Banken alte Menschen unterschreiben ließen, ab dem ersten Euro auf dem Girokonto Negativzinsen zu zahlen.

Gerade die Älteren scheinen die neuen Methoden der Institute besonders zu treffen. Sie sind es, die oft besonders viel Erspartes auf dem Girokonto liegen haben, weil sie sich nicht in andere Anlagen trauen und weil sie ihnen auch nicht zu empfehlen sind; im Alter sollte man aus Aktien und Aktienfonds nach und nach aussteigen, da sie zu stark schwanken. Und die Älteren sind es auch, die im Zweifel bei der Bank bleiben, während Jüngere schnell zu günstigen Direktbanken und Brokern wechseln. Man holt es sich von denjenigen, bei denen es noch möglich ist.

Das Vorgehen solcher Banken ist umso anstößiger, als sie selbst gar nicht so sehr unter den Negativzinsen leiden, wie sie oft behaupten. Die Europäische Zentralbank hat ihnen im Jahr 2019 großzügige Freibeträge eingeräumt, sodass ein großer Teil ihrer Einlagen gar nicht mehr mit negativen Zinsen belastet wird. Sie können das auch selbst steuern, indem sie, statt Einlagen zu bunkern, mehr Kredite vergeben, was ohnehin gewünscht ist - oder indem Sparkassen zum Beispiel mehr an ihre Träger für gemeinnützige Zwecke ausschütten.

Es stimmt, dass die Luft für Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken in den vergangenen Jahren dünner geworden ist durch Negativzinsen und die Konkurrenz von Direktbanken oder kostenlosen Brokern. Auf der anderen Seite verdienen sie immer noch genug Geld - dank der Kunden, die ihnen seit Jahrzehnten die Treue halten und freiwillig oder unwissend höhere Preise zahlen. Sie müssen aufpassen, dass sie es sich mit denen nicht auch noch verscherzen.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB