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Occupy:Mit Plastikgeld gegen das Großkapital

An Occupy Wall Street protester chants slogans along 47th Street in New York

USA: Ein Occupy-Demonstrant am 17. September 2013 in New York City

(Foto: REUTERS)

Erst demonstrieren sie gegen Banker, dann werden sie selbst welche: Eine Gruppe Occupy-Unterstützer will über eine Geldkooperative faire Bankkarten anbieten. Zu den Unterstützern zählen renommierte Experten. Doch nicht alle finden gut, dass "Occupy" bald ausgerechnet auf einer Geldkarte stehen soll.

Von Jakob Schulz

Die Verachtung der Finanzwirtschaft ist quasi Aufnahmevoraussetzung bei der Occupy-Bewegung. Schon in den ersten Tagen der Occupy-Wall-Street-Demonstrationen im New Yorker Zuccotti Park 2011 aber wurde eine Idee geboren, die bald in die Gründung einer Occupy-Bank münden könnte. Eine kleine Gruppe Unterstützer der Initiative unter Führung des britischen Ex-Diplomaten Carne Ross hat es sich zum Ziel gemacht, ein faires Finanzinstitut zu gründen.

Eine Idee, die die Ziele der Bewegung scheinbar konterkariert: Unter dem Schlagwort "Occupy" demonstrieren weltweit Menschen gegen die Auswüchse an der Wall Street und in der gesamten Finanzbranche. Seit 2011 versammeln sich in den USA und in vielen anderen Ländern Tausende in Zeltstädten. Die Wut vieler amerikanischer Demonstranten über schlechte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, Wohnungslosigkeit oder hohe Schulden bündelt sich im Schlachtruf "Wir sind die 99 Prozent".

99 Prozent der Amerikaner - ihnen gegenüber steht das übrige eine Prozent der US-Bürger: etwa drei Millionen Amerikaner, die dem US-Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stieglitz zufolge ein Viertel des nationalen Einkommens und 40 Prozent des gesamten Vermögens auf sich vereinen. Während es diesem einen Prozent der US-Bürger immer besser gehe, so die Überzeugung der Demonstranten in New York City, Oakland oder Washington D.C., gehe es den meisten Amerikaner zunehmend schlechter.

"Wie eine Bank - nur besser"

Carne Ross findet, dass sich das ändern muss. "Die Occupy Money Cooperative ist wie eine Bank - nur besser", werben Ross und andere Aktivisten auf der Website der Initiative. Erstes Produkt der Geldkooperative soll eine Prepaid-Geldkarte für die USA sein. Die Besitzer können damit bezahlen wie mit einer EC-Karte - aber nur über soviel Geld verfügen, wie sie zuvor eingezahlt haben. Die Karte an sich soll monatlich 99 US-Cent kosten, Abbuchungen an Automaten und Kontostandabfragen mit 1,95 US-Dollar beziehungsweise 99 Cent zu Buche schlagen. Bis die Karten ausgegeben werden können, sind den Aktivisten zufolge Spenden in Höhe von 900.000 US-Dollar nötig.

Gegründet wurde die Initiative von ausgewiesenen Fachleuten. Darunter ein Wirtschaftsprofessor der renommierten Cornell Law School, ein ehemaliger Mitarbeiter der Deutschen Bank und der Ex-Australien-Chef von Blackberry. Und der 46-jährige Carne Ross.

"Wir haben die Occupy Money Cooperative gegründet, weil wir glauben, dass die profitorientierte US-Bankindustrie Millionen von Amerikanern den Zugang zu einem eigenen Konto und Bankdienstleistungen verwehrt", sagte Ross dem Magazin Forbes. Hintergrund sei, dass sich viele Amerikaner wegen der hohen Gebühren kein eigenes Konto leisten können - und einigen werde es verweigert.

Occupy will unabhängig bleiben

Den Grundgedanken der Occupy-Geldkarte erklärte Ross in einem griffigen Satz in der New York Times: "Niemand macht Profit". Die Kooperative wolle nur soviel Geld verdienen, dass die Bankkarten wirtschaftlich angeboten werden könnten. Sollte das Projekt erfolgreich sein, wolle die Gemeinschaft künftig auch Kredite und andere Dienstleistungen anbieten. Jeder Besitzer einer Geldkarte werde automatisch stimmberechtigtes Mitglied der Kooperative. Auf ihrer Website spricht die Kooperative von einer "Revolution", die gerade erst beginne.

Doch nicht bei allen Occupy-Aktivisten kommt die Idee gut an, ein Finanzinstitut oder eine Geldkarte mit dem Begriff "Occupy" zu schmücken. Schon jetzt ist unter den Sympathisanten der Bewegung Kritik zu hören. Der langjährige Occupy-Unterstützer und Antikriegsaktivist Bill Dobs sagte der New York Times, dass Geldkooperative und Occupy-Bewegung unterschiedliche Wege gehen sollten. "Occupy hat zuviel Blut, Schweiß und Tränen gekostet, als dass all das jetzt zu einem Stück Plastik gemacht wird."

In der Vergangenheit zeigten sich die Aktivisten schon öfter unwillig, ihre Bewegung mit kommerziellen oder parteilichen Interessen zu verknüpfen. So musste etwa der US-Rapper Jay-Z eilig den Rückzug antreten, als er T-Shirts mit dem Schriftzug "Occupy All Streets" für 22 Dollar das Stück verkaufen wollte - ohne aber die Bewegung an den Erlösen zu beteiligen.

© Süddeutsche.de/hatr/rus

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