Finanzmärkte:Unheil aus dem Nichts

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Dunkle Wolken über Frankfurt

Dunkle Wolken über der Bankenstadt Frankfurt: Deutschland gilt als Geldwäscheparadies.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Ein Hedgefonds gerät ins Trudeln und reißt die Aktienkurse von mehreren Banken weltweit in die Tiefe. Der Vorgang weckt Erinnerungen an die Finanzkrise.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Mal wieder kommt das Unheil für die Finanzmärkte von einer eher unbekannten Seite. Und mal wieder hinterlässt es Spuren weltweit. Weil sich ein scheinbar unbedeutender Hedgefonds aus New York im großen Stil mit Aktien von amerikanischen Medienunternehmen und chinesischen Tech-Firmen verspekuliert hat, müssen mehrere Banken weltweit massive Verluste hinnehmen. Die Kurse der betroffenen Institute, darunter die Schweizer Credit Suisse, fielen am Montagmorgen massiv. Das weckte Erinnerungen an die Finanzkrise oder die Pleite des US-Hedgefonds LTCM. 1998 hatte dieser mehrere Banken fast mit in den Abgrund gezogen.

Dabei liegt es erst wenige Wochen zurück, dass der Zusammenbruch des ebenfalls wenig bekannten britisch-australischen Konglomerats Greensill für Aufregung an den Märkten gesorgt hatte. Nun ereilt die Bankenwelt der nächste Überraschungstreffer. Auslöser des Bebens am Montag war ein US-Hedgefonds namens Archegos Capital, zuvor allenfalls in Fachkreisen bekannt. Im asiatischen Handel traf es am Morgen zunächst die Aktien der japanischen Großbank Nomura, welche bis zu 14 Prozent nachgaben. In ähnlicher Größenordnung zog es dann in Europa die Aktien der Schweizer Großbank Credit Suisse nach unten. Auch die Papiere der Deutschen Bank fielen zeitweise um mehr als fünf Prozent. Auch in den USA gingen die Kurse an der Wall Street im frühen Geschäft zurück.

Die japanische Investmentbank Nomura bezifferte den möglichen Verlust auf zwei Milliarden Dollar. Bei der Credit Suisse könnte der Fehlbetrag laut Financial Times bis zu vier Milliarden Dollar betragen. US-Investmentbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, aber auch die Deutsche Bank scheinen hingegen ohne große Verluste aus der Sache herausgekommen zu sein.

Glimpflich kommen jene Banken davon, die rechtzeitig verkaufen

Auslöser ist eine Art Reise nach Jerusalem im Bankgeschäft: Was bei dem Kinderspiel der Kampf um den letzten Stuhl ist, ist hier die Frage, welche Bank ihre Sicherheiten rechtzeitig verkaufen kann. Offenbar hatten zahlreiche Geldhäuser dem Hedgefonds Milliarden für Aktienkäufe geliehen. Hedgefonds sind spekulative und weniger stark regulierte Fonds, die große Freiheiten bei der Geldanlage haben. Sie können etwa mit geliehenem Geld auf den Absturz von Aktien wetten.

Wenn nun Banken Hedgefonds Kredite für ihre Aktienkäufe geben, dann lassen sie sich für diese "Margin Loans" die Aktien verpfänden. Fällt der Kurs unter eine bestimmte Schwelle, können Banken die Aktien sofort verkaufen, woraufhin die Fonds den Geldhäusern Aktien als Sicherheiten nachliefern müssen. Vergangene Woche waren die Anteilsscheine eines US-Medienunternehmens namens Viacom nach starken Kursgewinnen plötzlich eingebrochen. Daraufhin hatten einige US-Banken wie Goldman Sachs mit sogenannten "Margin Calls" begonnen, sie forderten Sicherheiten ein und begannen die Aktien zu verkaufen. Allein am Freitag warfen sie Agenturberichten zufolge Wertpapiere für enorme 20 Milliarden Dollar auf den Markt.

Credit Suisse und Nomura waren dabei aber anscheinend zu spät dran. Die Schweizer erklärten, ein bedeutender Hedgefonds sei seinen Nachschusspflichten nicht nachgekommen. Da der Investor kein Geld nachgeschossen habe, seien sie nun dabei, diese Positionen aufzulösen, was offensichtlich nur noch mit großen Verlusten möglich war. Die Papiere der Medienkonzerne Viacom und Discovery verloren jeweils fast ein Drittel an Wert. Die in den USA notierten Anteile der chinesischen Unternehmen Baidu und Tencent Music waren im Laufe der Woche um ein Drittel beziehungsweise knapp 50 Prozent abgesackt.

Die hohen Kredite waren kaum aufgefallen

Wie viel Geld Banken weltweit an den Hedgefonds Archegos verliehen haben, dazu gibt es bislang keine verlässlichen Informationen. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg hielt Archegos Positionen von insgesamt bis zu 50 Milliarden Dollar. Die Sache ist wohl lange nicht aufgefallen, weil die Banken die Kredite demnach vor allem über Swap-Geschäfte vergeben haben. In den Meldungen des Fonds an die Finanzaufsicht tauchten die Darlehen daher nicht auf. Ohnehin ist über Archegos und mögliche Kunden bislang wenig bekannt. Der Gründer, ein früherer Analyst namens Bill Hwang, scheint dort vor allem sein privates Geld verwaltet zu haben. Vor neun Jahren hatte ihn die US-Börsenaufsicht SEC nach möglichen Insiderdeals zu einer Strafzahlung von 44 Millionen Dollar verdonnert. Einige Banken stoppten darauf die Geschäfte mit Hwang, andere nicht.

Der Fall zeigt, dass es auch mehr als zehn Jahre nach der Finanzkrise immer noch große blinde Flecken in der Regulierung gibt. Bereits der Fall Greensill hatte offenbart, dass Firmen zum Beispiel Lieferantenkredite dazu nutzen können, um zu vertuschen, wie stark sie verschuldet sind. Dabei haben in der Ära der Niedrigzinsen immer mehr Akteure an den Finanzmärkten hohe Schulden aufgenommen, um damit wiederum in großem Stil von dem Aufschwung an den Aktienmärkten zu profitieren.

Für die Schweizer Großbank Credit Suisse ist der Fall der zweite schwere Fehlgriff in kurzer Zeit und wirft die Frage auf, ob die Bank ihr Risikomanagement ausreichend gut im Griff hat. Die Schweizer waren bereits stark von der Greensill-Pleite betroffen, weil sie Greensill-Kredite in Fonds verpackt und in großem Stil an Profi-Investoren verkauft hatten. Die Deutsche Bank wiederum teilte mit, sie habe ihre Positionen bei dem Hedgefonds Archegos abgesichert und erwarte keine Verluste daraus. Eigentlich hatte das größte deutsche Geldhaus das Geschäft mit Hedgefonds Ende 2019 an die französische Bank BNP Paribas verkauft - eine Transaktion, die erst Ende 2021 abgeschlossen sein soll. Offenbar hatte das Bankhaus gewisse Risiken aus dem Geschäft aber immer noch in der Bilanz. Der Archegos-Fall wird wohl noch für weitere Überraschungen sorgen.

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