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Banken:Goodbye London?

Spitzenmanager der HSBC wollen den Hauptsitz der Bank nach Hongkong legen. Grund ist das Drängen der britischen Notenbank, in der Krise keine Dividenden auszuschütten.

Für Europas größte Bank ist es eine Zäsur: Zum ersten Mal seit 1946 schüttet die HSBC in diesem Jahr keine Dividende an ihre Aktionäre aus. Die Entscheidung fiel nicht ganz freiwillig, sondern erst nach massivem Druck der Bank of England. Wegen der Corona-Krise hatte die britische Notenbank die größten Geldhäuser des Landes dazu gedrängt, auf die Auszahlung zu verzichten. Kein Wunder, dass dies den Anteilseignern gar nicht gefiel; der Aktienkurs brach nach der Ankündigung um bis zu zehn Prozent ein. Der Financial Times zufolge ist der Ärger darüber in der Bank groß. Im Aufsichtsrat und in der Führungsspitze des Geldhauses gebe es deshalb Stimmen, den Hauptsitz der Bank von London nach Hongkong zu verlegen.

Für die HSBC würde ein solcher Schritt eine Rückkehr zu ihren Wurzeln bedeuten. Die Hongkong and Shanghai Banking Corporation wurde im Jahr 1865 von einem Schotten in Hongkong gegründet, um den damals aufstrebenden britischen Handel in Asien zu finanzieren. Erst im Jahr 1993, als die HSBC dabei war, die britische Midland Bank zu übernehmen, wurde der Hauptsitz nach London verlegt. Auch politische Gründe spielten dabei eine Rolle. Und so ist es bis heute: Anders als in London kann sich die Bank in Hongkong nicht sicher sein, inwieweit die chinesische Regierung versucht, ihren Einfluss dort geltend zu machen. Im vergangenen Herbst war die Gefahr jedenfalls groß, dass Peking seine Truppen schicken würde, um die Demokratiebewegung in Hongkong niederzuschlagen. Im Vergleich dazu bietet der Finanzplatz London ein ungleich sichereres Umfeld, vom funktionierenden Rechtsstaat ganz zu schweigen.

Dennoch gibt es für die HSBC durchaus Gründe für eine Verlagerung des Hauptsitzes. So erwirtschaftet die Bank den Großteil ihres Umsatzes in Asien. Hinzu kommt: Ein Drittel der Anteile gehören Investoren aus Hongkong, die nur sehr ungern auf die geplante Dividende verzichten. Mitte April wollte die Bank eigentlich mehr als drei Milliarden Pfund an ihre Aktionäre ausschütten. Doch nach der Ansage der Bank of England wird daraus nichts. Führungskräfte der HSBC sollen zudem auf Boni verzichten. Die Notenbank hat die britischen Geldhäuser dazu aufgefordert, stattdessen Unternehmen und Bürgern mit Krediten zu helfen, die infolge des Coronavirus in finanzielle Not geraten.

Die Financial Times zitierte mehrere HSBC-Insider, die das Vorgehen der Bank of England stark kritisierten. Der Tenor: Die Aktion der Notenbank sei "sehr fragwürdig"; die HSBC sollte besser nicht mehr in Großbritannien zu Hause sein. Ein Sprecher der Bank erklärte hingegen, dass es keine Diskussionen darüber gebe, den Hauptsitz von HSBC zu überprüfen. Es gebe auch keine Pläne, dieses Thema wieder aufzugreifen.

© SZ vom 03.04.2020

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