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Banken:Dann doch lieber untreu werden

Zwei von drei Bankkunden haben noch nie ihr Kreditinstitut gewechselt. Das könnte sich nun ändern. Denn Negativzinsen sind für Kunden ein Grund, die Bank zu wechseln.

Von Andreas Jalsovec

Man tritt den Deutschen sicher nicht zu nahe, wenn man sie mit Blick auf die Beziehung zu ihrer Hausbank als "Wechselmuffel" bezeichnet. Zwei von drei Bankkunden haben nach Angaben des Deutschen Bankenverbands noch nie in ihrem Leben das Kreditinstitut gewechselt. Die entsprechende Untersuchung stammt zwar aus dem Jahr 2017, doch bis heute dürfte sich daran wenig geändert haben.

Nun jedoch scheint die nahezu unerschütterliche Treue der Kunden zu ihrem Geldhaus zu bröckeln. Grund sind die Negativzinsen. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Vermögensverwalters JP Morgan Asset Management unter 1942 Befragten. Demnach wollen sechs von zehn Kunden die Bank wechseln, wenn diese mit einem "Verwahrentgelt" auf die Einlagen droht. Ein gutes Viertel der Kunden würde seine Ersparnisse auf verschiedene Banken aufteilen, um unter den Schwellenbeträgen für die Strafzinsen zu bleiben. Ihrem Geldhaus trotz Negativzinsen treu bleiben will nur ein Viertel aller Kunden.

Minuszinsen auf Bankeinlagen sind auch für Privatkunden keine Seltenheit mehr. Von den gut 1300 Kreditinstituten in Deutschland verlangten nach Angaben des Finanzportals Biallo.de Ende Juni 150 Banken Verwahrentgelte bei Girokonto oder Tagesgeld. Dabei sinkt die Schwelle, ab der ein Minuszins fällig wird. Zum Teil liegt der Freibetrag nur noch bei 10 000 Euro. Grund sind die negativen Zinsen, die die Banken zahlen, wenn sie kurzfristig Einlagen bei der Zentralbank parken. Diese Kosten geben sie an ihre Kunden weiter. Zwar gilt der Strafzins meist nur für Neukunden. Dennoch steige bei den Sparern "die Sorge, mit Negativzinsen belegt zu werden", heißt es in der Studie von JP Morgan.

Für Matthias Schulz, Managing Director des Vermögensverwalters, sei dies eine gute Gelegenheit, über Alternativen zu Sparbüchern und Tagesgeld nachzudenken. Er rät Bankkunden, sich am Kapitalmarkt umzusehen - also bei Aktien oder Anleihen. Für Einsteiger empfiehlt er breit gestreute Mischfonds, in die man über einen Sparplan investieren kann. Verbraucherschützer raten eher zu breit gestreuten Indexfonds (ETF). Sie sind deutlich kostengünstiger. Allerdings zeigt die Umfrage auch: Die Deutschen sind vielleicht wechselwilliger. Sie bleiben aber Kapitalmarktmuffel: Nur jeder Zehnte würde wegen der Strafzinsen sein Geld in Aktien oder Anleihen anlegen.

© SZ vom 04.08.2020

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