Süddeutsche Zeitung

Bankberater:Raus aus der Bank

Lesezeit: 3 min

Viele Bankberater haben genug davon, den Kunden nutzlose und unverständliche Produkte anzudrehen. Also kündigen sie und fangen neu an - als unabhängige Geldverwalter. Und manche Banken unterstützen diesen Trend auch noch.

Andreas Jalsovec

Die Idee kam Isolde Regensburger beim Fußballtraining ihrer Söhne. "Mich haben immer wieder Freunde gefragt, wie sie ihr Geld anlegen sollen", berichtet die ehemalige Bankerin. Mit dem eigenen Bankberater seien sie nicht mehr zufrieden gewesen: Der rufe nur an, wenn er etwas verkaufen wolle. "Und so endete mancher Trainingsbesuch in einem Gespräch über Geldanlage", erinnert sich die 40-Jährige lachend.

Aus den Gelegenheitstipps für Freunde ist ein Unternehmen geworden. Zusammen mit ihrer Kollegin Inge Schäfer-Schmidbauer, 48, hat Regensburger eine Vermögensberatung gegründet. Nach gut 15 Jahren Karriere bei Investment- und Großbanken sind die beiden ausgestiegen. "Es ist viel mehr Arbeit als früher", meint Inge Schäfer-Schmidbauer. "Aber wir können unsere Kunden unabhängig und nach ihren Vorstellungen beraten - in der Bank geht das kaum noch."

Raus aus der Bank: Die beiden Frauen haben einen Schritt getan, nach dem sich viele ihrer Kollegen sehnen. "Es gibt in den Banken noch immer eine massive Flucht aus dem Vertrieb und der Beratung", sagt Mark Roach, der bei der Gewerkschaft Verdi bundesweit für den Bereich Banken zuständig ist. Der Druck auf die Bankmitarbeiter, den Kunden Produkte zu verkaufen, die vor allem der Bank Gewinn bringen, das angekratzte Image der Geldhäuser - das alles habe sich seit der Finanzkrise noch verschärft, berichtet er. "Die Leute wollen weg."

Auch Robert Fuchsgruber merkt das. "Bei uns rufen immer wieder Bankmitarbeiter an und erzählen, dass sie genug haben", sagt der Abteilungsleiter der DAB Bank. "Und dann wollen sie wissen, wie das mit der Selbständigkeit geht." Fuchsgruber kann ihnen das genau sagen.

Anfang des Jahres hat die Direktbank das Projekt "Start" aufgelegt - eine Art Aussteigerprogramm für Bankberater. Zusammen mit der Dresdner Hochschule für Wirtschaft und Technik hat die DAB ein Handbuch entworfen, das die Banker Schritt für Schritt an die eigene Vermögensverwaltung heranführt. Fuchsgruber und sein Team unterstützen sie dabei. "Natürlich bringt nicht jeder die Voraussetzungen mit", sagt der ehemalige Existenzgründer-Berater. Die Ansprüche, die die Finanzaufsicht Bafin an sogenannte "Finanzportfolioverwalter" stellt, sind hoch. Dennoch gebe es "derzeit einige Interessenten daraus".

Ganz uneigennützig hilft die DAB ihnen nicht. Das Geldhaus ist die größte Depotbank für Vermögensverwalter in Deutschland. Sie verdient daher etwas, wenn die künftigen Vermögensverwalter die Depots ihrer Kunden dort einrichten. Man helfe aber nicht nur Bankern, die das Zeug zum Vermögensverwalter haben, so Fuchsgruber. "Wir geben jedem Tipps, der sich neu orientieren will."

Die DAB ist damit nicht alleine. Andere Depotbanken bieten ebenfalls Ausstiegshilfen an. Und auch der Verband unabhängiger Vermögensverwalter (VuV) hat einen Leitfaden für den Weg in die Selbständigkeit entwickelt. Das Interesse der Banker an dem Thema sei "riesengroß", meint VuV-Vorstandsvorsitzender Günter T. Schlösser. "Aber der Schritt vom sicheren Bankjob zum selbständigen Vermögensverwalter ist enorm - selbst wenn man Erfahrung in ähnlichen Bereichen in der Bank gesammelt hat."

So wie Isolde Regensburger und Inge Schäfer-Schmidbauer. Beide waren sie in der Anlageberatung für Institutionen und vermögende Privatkunden tätig, beide in leitender Position. Und beide haben sie zuletzt die Erfahrung gemacht, "dass Bankberatung oft nur noch Produktverkauf ist", erzählt Schäfer-Schmidbauer. "Am Ende des Monats muss die Marge für die Bank stimmen."

Um das zu schaffen, werden vorzugsweise bankeigene Produkte verkauft. Sie werfen am meisten Gewinn fürs eigene Haus ab. "Eine neutrale, sachliche Beratung ist so kaum möglich", sagt Schäfer-Schmidbauer. "Entweder ich habe als Berater den Hut des Kunden auf - oder den der Bank."

Ein Konflikt, vor dem viele Banker flüchten. "Sie gehen ganz raus aus dem Bankgeschäft oder sie wechseln in einen anderen Bereich im Haus", berichtet Verdi-Mann Roach. Bei einigen Geldhäusern habe dieser Exodus bereits so große Lücken ins Vertriebsnetz gerissen, "dass sie Filialen befristet schließen müssen - zum Teil mehrere Wochen".

Bei der jungen Vermögensverwaltung Schäfer-Regensburger funktioniert der Vertrieb: "Unsere Erfolgsquote bei Neukunden liegt bei 100 Prozent - denn unser Konzept ist einfach und transparent", sagt Isolde Regensburger.

Um unabhängig beraten zu können, lassen sich die beiden Vermögensverwalterinnen grundsätzlich auf Honorarbasis bezahlen. Provisionen gehen aufs Konto der Kunden. Diese seien in erster Linie daran interessiert, ihr Vermögen zu erhalten. "Eine hohe Rendite steht für die meisten an zweiter Stelle", meint Isolde Regensburger. "Wichtiger ist, dass sich jemand ernsthaft um ihr Vermögen kümmert - und um sie persönlich."

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SZ vom 08.11.2011
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